Donnerstag, 8. September 2016

Globalisierung und Imperialismus

I Neue Erscheinungen
in der Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaftsformation




1.   technisierte Lebensweise, Arbeitslosigkeit und unsichere Perspektiven

Seit mehreren Jahrzehnten haben sich in der BRD und in den meisten hoch industrialisierten kapitalistischen Ländern für die Lohnabhängigen grundlegende Änderungen ihrer Lebenslage ergeben. Wie schon zuvor, in den Jahrzehnten seit dem Ende des zweiten Weltkrieges, nimmt der materiell-stoffliche Wohlstand weiterhin zu, wenn auch mit wertmäßig geringeren Wachstumsraten. Daneben entwickeln sich zunehmend Arbeitshetze und Konkurrenz, das Arbeiten rund um die Uhr mit vergrößerter und verfeinerter Technik, Absenkung des Lohnniveaus für Neulinge oder ganze Branchen, auch bei höher qualifizierten und Unsicherheit des Arbeitsvertrages wie der sozialen Sicherungen, Wachstum von informellen Arbeitsverhältnissen und Dienstbotenjobs und wieder zunehmende Arbeitslosigkeit - und dies bei Zunahme der Produktion gesellschaftlichen Reichtums. Das sind die neuen, alten Verhältnisse der Lohnarbeit.
Bis in die mittleren und höheren Entlohnungs- und Qualifikationsstufen hinein besteht die Gefahr der Erwerbslosigkeit. Die Konkurrenz um Ausbildung, Abschlüsse und Berufseinstieg, um Beschäftigung und Aufstieg hat durch die Bedrohung wieder an Schärfe zugenommen, die Perspektiven werden unsicher. Eltern können ihre Kinder nicht mehr ohne Kampf weiterbringen, auch die Lebensplanung wird wieder problematisch. Ein Grundzug des früheren Proletarierdaseins schleicht sich auf neuem Niveau und in vielen Rängen, unter postmoderner Verdrehung als Flexibilität gefeiert, wieder in die Metropolen des Kapitalismus ein.
Seit 1975 gibt es bei jeder normalen Krise wieder schrumpfende Industrieproduktion, Entlassungen und ein jeweils sprunghaft wachsendes Erwerbslosenheer. Davon bildet sich stufenweise ein größer werdendes stehendes Heer von Arbeitslosen und wieder ein Lumpenproletariat sowie eine Elendsschicht.
Der Warencharakter der menschlichen Arbeitskraft setzt sich wieder ungebremster durch. Zunehmend werden auch die anderen Lebens- und Gesellschaftsverhältnisse dem Marktverkehr angepaßt und vom Kapital erobert.
Die industrielle Revolutionierung der Lebensweise vertiefte sich als Prozeß der Technisierung der privaten Reproduktion in den USA schon seit den 20er und in Europa seit den 50er Jahren dieses Jahrhunderts. Obwohl das durchschnittliche statistische Realeinkommen nach 1975 in den USA und den zentralen europäischen kapitalistischen Ländern nur wenig stieg, wurde die privat genutzte Technik erweitert und ihr Gebrauchswert weiterentwickelt.
Die Umstände sind nicht in allen Ländern gleich, aber sie nähern sich einander an. Diese und andere Veränderungen des Alltagslebens werden öffentlich beschönigend als unvermeidliche Auswirkungen der Globalisierung der Ökonomie beschrieben.

2.   Begleiterscheinungen, Hintergründe und Ursachen

Bei genauerem Hinsehen und etwas historischer Perspektive zeigt sich natürlich sehr schnell, daß mit dem Wort Globalisierung das Ergebnis einer Vielzahl von Prozessen und Veränderungen auf einen vereinfachten Nenner gebracht wird. Zu diesen Prozessen und Veränderungen gehören:

n  Wachstumsraten und Akkumulation

Seit der Krise 1975 wächst zwar die weltweite industrielle Produktion weiter, aber die Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts (BIP) und der Industrieproduktion sind erheblich zurückgegangen. Die Akkumulation des Kapitals verlangsamte sich gegenüber der Zeit nach 1945 vor allem in Europa und Japan.

n  Veränderung der stofflichen Basis der industriellen Produktion

Die stoffliche Basis der industriellen Produktion und der privaten Reproduktion hat sich im Laufe der letzten 50 Jahre erheblich geändert. Zwar werden auch die bisherigen Stoffe zunehmend gebraucht, aber das Erdöl und seine Kunststoffabkömmlinge haben eine überragende Bedeutung gewonnen.

n  EDV-Revolution der Produktivkräfte

Die industrielle Produktion wird weiter mechanisiert. Durch automatische Systeme und Roboter erreicht der Prozeß neue Felder und Dimensionen, zuletzt bei der dramatischen Verringerung der Lagerhaltung und der Automatisierung der Logistik.
Auch Verwaltungsvorgänge der Datenaufnahme, -speicherung und -verarbeitung, und -weiterleitung werden einer andauernden Umwälzung unterzogen, zunächst mittels Großrechenanlagen und dann durch den personal computer (PC). Zuletzt wird die globale Kommunikation durch die Übertragung von Daten mittels Satelliten und Glasfaserkabeln innerhalb von weltweiten Netzwerken grundlegend weiter entwickelt. Ermöglicht wird dies durch eine sowohl stetige und als auch stufenweise Revolutionierung der elektronischen Datenverarbeitung.

n  Ende von Bretton Woods

Das Weltwährungssystem von Bretton Woods, zum Ende des 2. Weltkrieges unter der Vorherrschaft der  USA eingerichtet, wurde bis 1973 endgültig aufgelöst. Die zwischennationalen Währungsverhältnisse wurden wieder dem Spiel der einzelnen nationalen Interessen ausgeliefert. Der Dollar blieb allerdings zunächst weiter einzig bedeutendes Weltgeld. Dies und das Gewicht der USA im Internationalen Währungsfond (IWF) liessen deren Interessen weiterhin dominant bleiben. Die nationalen Zinssätze differierten erheblich, ebenso die Inflationsraten. Große Instabilität der Profite im internationalen Handel, bei internationalen Investitionen in Wertpapieren und industriellen Direktinvestitionen, sowie Spekulation auf Änderungen der Währungsparitäten waren  die Folgen.

n  Keynesianische Krisenbekämpfung; Staatsverschuldung und Inflation

Seit Beginn der 70er bis in die 80er Jahre erhöhten sich die Inflationsraten auch in der entwickelten Welt des Kapitals. Die keynesianische Krisenbekämpfung, in verschiedenen Ländern eher ein Nebenprodukt der Hochrüstung, erhöhte allgemein die Staatsverschuldung, trieb die Zinsen hoch und verengte die Haushaltsspielräume. Die realen Zinsen sanken. Hohe Inflation bei Stagnation des BIP, sog. Stagflation, führten zur Ohnmacht staatlicher Konjunkturpolitik im kapitalistischen Europa. Im Lauf der 80er Jahre reduzierten sich die Inflationsraten wieder. Die Rohstoffpreise sanken inzwischen kontinuierlich.
Die Staatsverschuldung ermöglichte eine staatlich gesicherte Kapitalrente für Besserverdienende und erweiterte so die soziale Basis des Kapitals und des Kapitalismus.

n  Opec, Eurodollars und die 
Internationalisierung des Kapitalverkehrs

Mit den zwei Preiserhöhungen des Rohöls durch das Kartell der Ölförderländer (Opec) vergrößerte sich sprunghaft der Markt für Geld und Anleihen in Dollar außerhalb der USA. Die Internationalisierung des Kapitalverkehrs nahm außerordentlich zu.
Die Preiserhöhungen des Rohöls werden allerdings durch die Teuerung der dafür gekauften Industrieausrüstungen in den 80er Jahren bald wieder aufgesogen.

n  Konzentration und Zentralisation

Die Industrieproduktion wuchs von 40/45/50 bis 70/75 vorrangig mit den Betrieben, seitdem vorrangig mit der Vermehrung der Zweigbetriebe. Die Akkumulation vollzog sich gesetzmäßig nicht nur als Konzentration, sondern zunehmend, auch bei Banken und Versicherungen, als Zentralisation. Insgesamt setzte das Finanzkapital sein Wachstum und seinen Siegeszug fort.

n  Internationalisierung des Finanzkapitals; Neue Formen

Seit den 80er Jahren hat sich der internationale Handel mit kurzfristigen Werten und mit Währungen erheblich ausgeweitet, seit den 90ern dramatisch vergrößert. Die zunehmende Menge überschüssigen Geldkapitals sucht spekulative Anlage, da die industrielle Akkumulation weltweit seit etwa 1975 erheblich zurückgegangen ist. Die Deregulierung der Finanz- und Währungsmärkte durch die Nationalstaaten ist diesem Interesse des Finanzkapitals nachgekommen und hat ihm Vorschub geleistet. In dieser Sphäre sind entsprechend neue Formen des Finanzkapitals, neue Märkte, neue Formen und Institutionen des Handels entstanden. Die Verbindung dieser Sphäre des Finanzkapitals mit den neuen elektronischen Formen der Datenverarbeitung und Datenfernübertragung hat sie als Casinokapitalismus zum Symbol der Globalisierung werden lassen.
Die Rückwirkungen dieser Sphäre auf die nationale Geld-, Zins-, Währungs-, Haushalts- und Wirtschaftspolitik der vielen Staaten, ist Dreh- und Angelpunkt der Debatte über die Möglichkeit nationaler Wirtschaftspolitik. Dabei ist es zunächst gleichgültig, ob die Diskussionen real veranlaßt, ideologisch motiviert oder manipulativ genutzt sind. Auch hierbei spielen die USA eine Sonderrolle.

n  Vom Güterexport zum Kapitalexport; Internationalisierung der Produktion, TNKs; Wissenschaft als Produktivkraft

Das Größenwachstum der Industrieproduktion und der Konzerne, sowie die Verengung und Verunsicherung der Absatzbedingungen im In- und Ausland beschleunigte die Internationalisierung der Produktionsstandorte durch die Konzerne. Der Kapitalexport der Nicht-US-Konzerne steigerte sich erheblich. Die Konkurrenz internationalisiert und verschärft sich und benutzt dafür die technologischen Umwälzungen bei Produkten sowie Verfahren. Daher gewinnen die Forschungs- und Entwicklungsabteilungen (FuE) strategische Bedeutung für die Konkurrenz. Wissenschaft als Produktivkraft setzt sich im Produktionsalltag durch. Es bildet sich eine Spitzengruppe von sehr großen Transnationalen Konzernen heraus (TNKs).

n  Revolution von Ferntransport und Fernkommunikation

Der sich weiter ausdehnende Handel mit Industriegütern wurde mit Hilfe einer sehr einfachen organisatorisch-technischen Revolution des Frachtverkehrs bewältigt, beschleunigt und verbilligt: Dem Containertransport.
Die Organisierung der internationalen Finanz- und Güterströme, der industriellen Arbeit und der Produktionsplanung wurde durch die elektronische Revolution der Verarbeitung und Fernübertragung von Daten sehr erleichtert, wenn nicht sogar erst ermöglicht

n  Maschinisierung und Elektronisierung der Konsumgüter

Die massenhafte Erhöhung der Reallöhne seit 1945/50 bis 1970/75 und die erhebliche Vergrößerung der Zahl der Lohnarbeiter, auch jener mit mittleren und höheren Einkommen, ermöglichte den massenhaften Absatz von neuen technischen Konsumgütern. Trotz dauernder Verbesserung und größerem Gebrauchswert der Produkte, auch mittels Elektronik, wurden sie stetig relativ oder absolut verbilligt, so daß sich ihr Absatz auf immer breitere Bevölkerungsschichten ausdehnte. Auf diese Weise hat sich der mit den Löhnen erwerbbare Gebrauchswert dramatisch vergrößert.

n  Revolutionierung der Lebensweise: Technisierung des Konsums und der privaten Reproduktion

So haben z.B. Auto und Fernsehen die private Lebensweise von Millionen Lohnabhängiger verändert. Für die dramatische Verringerung des notwendigen privaten Arbeitsaufwandes zur Reproduktion der Familien und Haushalte trugen allerdings vornehmlich so einfache, praktische und technisch wenig revolutionäre Apparate wie Waschmaschine, Kühlschrank, Staubsauger und manche Küchengeräte, sowie die Heizung mit Öl, Gas oder Fernwärme bei. Damit verschwand die tägliche schwere körperliche Arbeit in den Haushalten.

n  Veränderungen der Mehrwert- und der Profitrate

Bis 1980 ist die Mehrwertrate in den entwickelten kapitalistischen Ländern gesunken. Auch die Profitrate verminderte sich wohl wegen der Erhöhung des gesamten Kapitaleinsatzes.
Möglicherweise hat die dramatische Verbilligung und Effektivierung der elektronischen Bestandteile der Produktionsausrüstungen diese Verminderung eine Weile gebremst.

n  Perspektivlosigkeit des fordistisch-tayloristischen Fabriksystems

Die weitere Effektivierung des Arbeitseinsatzes an den neuen Techniken konnte mit dem alten fordistisch/tayloristischen Fabrikregime nicht mehr erheblich weitergetrieben werden. Verschiedene neue Ansätze haben kein grundlegend neues Fabrikregime für die kapitalistische Produktion hervorgebracht, trotz Toyotismus, Lean Production, Just in Time oder Versuchen mit Gruppenarbeit. Historisch macht sich eine neue Betriebsweise im Kapitalismus erforderlich.

n  Eine andere Wirtschaftspolitik - Deregulierung nach innen und außen

Die Regierungen Thatcher in England, Reagan in den USA und Kohl in der BRD setzten eine Umkehrung bisheriger Tendenzen der ökonomischen Staatstätigkeiten durch. Propagandistisch und praktisch wurden der Abschied vom Keynesianismus und die Inthronisierung des Neoliberalismus inszeniert.
Nach innen kam es
·       zur Privatisierung bisheriger Staatsfirmen          und staatlicher Dienstleistungen, sowie zu deren Abbau;
·      zum Abbau der Beschränkungen und Kontrollen des Kapitalverkehrs;
·      zur Deregulierung der Arbeits- und Sozialverhältnisse;
·      zur Bekämpfung der Tätigkeit der Organisationen der Arbeiterklasse;
·      zur Senkung der Steuern für Großeinkommen und Vermögen;
·      dagegen zur Erhöhung für Lohnabhängige.
Nach außen kam es
·      zur Deregulierung des Kapitalverkehrs und des Handels.
In der BRD konnte dann die Mehrwertrate seit 1983 bis in die späten 90er wieder gesteigert werden. Ob sich auch die Profitrate durchgreifend erhöht hat, ist zumindest unklar (die Raten immer als gesellschaftlicher Durchschnitt).
Als Haupthebel zur Verbesserung der Nettoprofitrate wurde von den Regierungen die Verringerung der Besteuerung der Unternehmensgewinne und Kapitalerträge eingesetzt.
Der andere Hebel bestand in der Schwächung der Kampfkraft der Lohnarbeiter, um sie von Lohnerhöhungen als Teilhabe am Produktivitätszuwachs der industriellen Produktion abzuhalten.

n  Internationale kapitalistische Regulierung ohne UNO

Gleichzeitig entwickelten die wichtigen kapitalistischen Industriestaaten als G7 unter führung der USA eine neue Ebene der internationalen Abstimmung und Regulierung mit Hilfe ihrer Dominanz in IWF, Weltbank und Welthandelsabkommen (GATT, umgewandelt zur WTO).
Die Verschuldungskrisen vieler Entwicklungsländer, später auch der sozialistischen, wurden mit Hilfe der Währungskredite des IWF zur Öffnung für das private internationale Kapital genutzt.
Was früher durch Kanonenboote, Invasionen, Krieg oder industrielle Durchdringung gelang, wird heute mit dem zwischenstaatlich organisierten internationalen Währungskredit erreicht: Freie Bahn fürs Kapital.

n  Änderungen in Feldern, Ausmaß und Funktionsweise des Stamokap

Die Tendenzen zur Deregulierung und Privatisierung führen das erreichte Niveau des staats-monopolistischen Kapitalismus (Stamokap) nicht auf Null. Der militärisch-industrielle Komplex bleibt am Leben, besonders stark in den USA.
Trotz des massiven Sozialabbaus hat sich die Qualität der staatlich organisierten sozialen Reproduktion zwar verschlechtert, aber keineswegs dramatisch verkleinert. Insofern ist auch die Staatsquote in den meisten Ländern nicht erheblich gesunken. Allerdings greift dies auch nicht direkt in die Kapitalkreisläufe ein, sondern hält nur das Kapital bisher weiterhin aus dieser Sphäre heraus.
Über die Gesamttendenz der Entwicklung des Stamokap haben wir bisher keinen zuverlässigen Überblick.











1.   Vielfalt der Kennzeichnungen,
Unklarheit über Sache und Begriff

Die Bezeichnungen für die sich seit Anfang der 70er Jahre herausbildenden Verhältnisse sind vielfältig:
Globalisierung, oder Casinokapitalismus, Postfordismus, oder Dienstleistungs-, Informations-, Wissens-, oder Risikogesellschaft, auch Neoliberalismus, entfesselter Kapitalismus, Kapitalismus pur und sicher noch einige mehr - aber auch weiterhin: Imperialismus.
Meist werden einzelne reale Seiten hervorgehoben, ohne doch schon überzeugend einen Kern bezeichnen zu können. Das gilt auch für die beiden Kennzeichnungen Neoliberalismus und Imperialismus, um deren angebliche Alternative es in der DKP seit einiger Zeit eine Diskussion gibt.
Neoliberalismus kennzeichnet Ideologie, Programm und Praxis des Umbaus der bisherigen keynesianisch bestimmten staatlichen Formierung der kapitalistischen Vergesellschaftung.
Insofern ist Neoliberalismus wesentlicher ideeller und praktisch staatlicher Teil der sich neu herausbildenden Verhältnisse - und daher nicht gut geeignet das neue Ganze im Kern zu bezeichnen.
Imperialismus hingegen ist die Kennzeichnung für eine sich seit 1870/75 herausbildenden Phase der Weltgeschichte des Industriekapitalismus und der Begriff für die Art der staatlich vermittelten Formierung der kapitalistischen Entwicklung.
Es ist nicht zu bezweifeln, daß wesentliche Strukturmomente des Kapitalismus seit dieser Zeit sich sogar verstärkt haben (Monopolisierung, Finanzkapital, Finanzoligarchie, Monopolprofite).
Und doch muß gefragt werden, ob die damaligen Umstände der Formierung des Kapitalismus zum Imperialismus nicht von den heute neuen Umständen übertönt werden und zu einer neuen Art der Formierung drängen.

2.   Periodisierung der kapitalistischen Entwicklung im Marxismus

Sowohl in der allgemeinen Debatte, wie auch bei der Diskussion in der DKP wird stillschweigend unterstellt, daß es so etwas wie Perioden der geschichtlichen Entwicklung des Industriekapitalismus gebe. Ob Imperialismus, Fordismus oder Globalisierung, immer werden spezielle Strukturen des Kapitalismus mit zeitlichen Abschnitten verbunden.
Marx hat keine Theorie der Periodisierung der kapitalistischen Entwicklung hinterlassen. Seine im Kapital immer mal wieder verwendeten Einteilungen - Verlags-, Manufaktur- und Industrie-Kapitalismus - knüpfen an das jeweilige historische Ensemble von Produktivkräften an, das mit bestimmten Formen des Kapitals verbunden war und zeichnen das historische Eindringen des Kapitals in die gesellschaftliche Produktion nach.
Theoretisch leitet Marx für den Industriekapitalismus ab, daß die vielen Einzelkapitale aufgrund der Akkumulation mittels Zentralisation und Konzentration zum Monopol tendieren und so die freie in monopolistische Konkurrenz verwandeln. Die neuen Aktiengesellschaften sah Marx als Ausdruck dieses Prozesses an. Die Entwicklung der Formen der Konkurrenz ergibt sich aus veränderten Größenverhältnissen der Einzelkapitale zueinander und verändert die Weise der Ausgleichung der Profitraten.
Lenin greift dies auf, führt die Monopolisierung vorrangig auf die Entwicklung und Vergrößerung der Produktivkräfte zurück und macht daraus eine grundlegende Phaseneinteilung der Entwicklung des Industriekapitalismus. Außerdem erklärt er wichtige Erscheinungen aus der kapitalistischen Welt in Ökonomie und Politik ab etwa 1875 bis in den 1. Weltkrieg hinein mit der Monopolisierung und kennzeichnet den gesamten Komplex, nach der hervorstechenden Erscheinung als Imperialismus.
So, wie diese Einteilung keine historischen Etappen innerhalb der Phase der freien Konkurrenz kennt, nimmt sie auch keine weiteren Einteilungen nach dem Ende des 1. Weltkrieges und bis heute vor. Das Raster ist und bleibt zweiteilig, selbst wenn mit der Kategorie des Stamokap eine Unterabteilung hinzugefügt wird. Nach ihrer inneren Logik lassen sich aus dieser Einteilung keine weiteren Phasen konstruieren, sie verweist auf keine nächste.
Mit der Diskussion um Globalisierung und Neoliberalismus auf Basis der Monopolisierung, ist die Frage nach der Differenz von klassischem Imperialismus und den heutigen Formen der Internationalisierung und der Rolle der Nationalstaaten gestellt.

3.   Kriterien der Formierung kapitalistischer Entwicklungsphasen

Untersucht man die historischen Prozesse, die in der Weltgeschichte des Industriekapitalismus seit seiner Entstehung bis in die heutige Zeit vor sich gegangen sind, so zeigt sich:
Für die Formierung kapitalistischer Entwicklungsphasen gibt es anscheinend ein jeweiliges Bündel von Umständen, das die Formierung ermöglicht oder begünstigt. Sie gehören zu unterschiedlichen Ebenen des historischen Prozesses. Dabei bestimmen die von Marx erarbeiteten Gesetze der Dynamik des Kapitals bis heute die Entwicklung. Die von Lenin untersuchten Strukturveränderungen des Kapitals aufgrund seines Wachstums zu Monopolen sind ebenfalls weiter wirksam.
Zu den Bedingungen und Umständen der Formierung kapitalistischer Entwicklungsphasen sind zu zählen:
·      Die Hauptfelder der industriellen Produktion, der Mehrwertproduktion und der Profitaneignung;
stoffliche Bedingungen der Erzeugung des relativen Mehrwertes und der Erzielung von Extraprofit (dominierende und wachstumsbestimmende Wirtschaftszweige, Produktionen, Verfahren und Fabrikregime [Betriebsweise]);
·      Die durchschnittlichen Größen der Wachstumsraten der industriellen Akkumulation; die Größen der Mehrwert- und der Profitraten;
·      Die Kräfteverhältnisse zwischen Kapital und Lohnarbeitern (u.a. abhängig von Geschwindigkeit und Art der Akkumulation;)
·      Die Felder und Hebel der Konkurrenz
·      Das Größenverhältnis der Kapitale zur Staatlichkeit des Herkunftslandes und der anderen Länder des Weltmarktes;
·      Die ökonomischen sowie militärischen Größen- und Kräfteverhältnisse der kapitalistischen Staaten;
·      Die staatliche Organisierung der Reproduktion der materiellen und immateriellen Infrastruktur und der Reproduktion der Arbeitskraft der Arbeiterklasse;
·      Die Lebenssituation der Arbeiterklasse und ihre Differenzierungen;
·      Die soziale und politische Basis des Kapitals; die ökonomisch-politische Kraft und Orientierung der Arbeiterklasse,
·      sowie als Resultat: das Kräfteverhältnisse der Hauptklassen.
In ihrer jeweiligen Ausbildung und ihrem Zusammenwirken bilden solche Umstände anscheinend historische Konstellationen, die typische Wachstumsmuster des Kapitals hervorrufen können, die man als jeweilige Formierung der bürgerlichen Gesellschaft auffassen kann.
Von besonderer Bedeutung sind in diesen Formierungsprozessen offenbar auch die Veränderungen im Verhältnis von Kapital zu Staat und Politik sowie der Prozeß der Transnationalisierung der Produktion im Verhältnis zur Existenz der gegebenen Nationalstaaten.

Historisches Verhältnis von Kapital zu Staat und Politik: Imperialismus und Stamokap

Aufgrund des Wachstums des national entstandenen Monopolkapitals ergab sich in der Ausdehnung des früheren Kolonialimperialismus durch die alten Großmächte sowie bei und mit der Eroberung von Quasikolonien durch Japan und Deutschland ein enger Verbund von Kapital und Nationalstaat. Die aus dem Wachstum entstehenden Widersprüche, Überproduktion von Kapital und Waren, sollten durch Anschluß und Ausbeutung von nichtindustrialisierten Regionen in nicht-bürgerlicher Herschaftsform gelöst werden: Kolonial-Imperialismus als kapitalistische Landnahme.
Die internationale Konkurrenz der Konzerne wurde durch jene zwischen den partikularen nationalen Einheiten überlagert und zeitweilig zurückgedrängt. Dies führte zu den beiden Weltkriegen.
In Japan gab es aus der kapitalistischen Revolution von oben bis in den 2. Weltkrieg hinein wirksame Strukturen des Stamokap. Im 1. Weltkrieg bildeten sich bei der Rüstungsproduktion in den beteiligten Ländern ebenfalls Strukturen des Stamokap heraus. Sie wurden zunächst allerdings wieder abgebaut. Erst nach der Weltwirtschaftskrise 1929/33 wurde diese Struktur in Deutschland durch den Faschismus bei der Aufrüstung für die nächste imperialistische Expansion schon vor dem Krieg zur Dauereinrichtung.
In den USA bildete sich mit dem New Deal eine zunächst zivile und einen Klassenkompromiß anzielende Variante heraus. Ökonomisch effektiv wurde sie allerdings auch erst mit der neuen Dimension der Rüstungsproduktion für den 2. Weltkrieg. Und dabei ist es mit dem militärisch-industriellen Komplex auch nach dem Ende des Krieges geblieben.

Transnationalisierung der Produktion und Nationalstaaten

Die neue Qualität der Transnationalisierung der kapitalistischen Großproduktion ist durch staatliches, neoliberal inspiriertes Handeln ermöglicht worden.
Aber der Antrieb und die Sache selber finden sich in der Entwicklung der Produktionsweise, nämlich der Ausdehnung und Revolutionierung der Produktivkräfte und der Produktion, sowie der entsprechenden Änderungen der Produktionsverhältnisse.
Daß dabei die Grenzen der Nationalstaaten in neuer Weise überschritten werden müssen, versetzt dieses gesetzmäßige Wachstum des Kapitals mit den historisch entstandenen Formen und Realitäten des Überbaus der verschiedenen bürgerlichen Gesellschaften in partielle Widersprüche. Der Überbau der weltweiten kapitalistischen Formation existiert bisher grundlegend nur partikular in den verschiedenen Nationalstaaten. Wegen der neuen Größenordnung der großen Kapitale in den TNKs entspricht diese Partikularität des Überbaus nicht mehr voll den gewachsenen Bedürfnissen dieses Teils der Basis.
Abgesehen vom Entwicklungsstand, spielen die unterschiedlichen Dimensionen der Nationalstaaten, zwischen Kontinent und Kleinstaat für den Prozeß der Internationalisierung eine unterschiedliche Rolle. Die kontinentale Größenordnung der USA bildet offenbar noch eine zureichende Basis für die weltweite Operationsfreiheit und Dominanz des US-Kapitals. In Europa scheint das Kapital der transnationalen Konzerne auf seinem Weg zur Internationalisierung eine Zwischenebene der Staatlichkeit zu organisieren, zunächst als staatliches Kartell der Kohle- und Stahlindustrie, dann als Zollgebiet, Absatzmarkt und jetzt mit gemeinsamer Währung.
Daneben gibt es aus dem Ende des 2. Weltkrieges und der damaligen absoluten Dominanz der USA in der kapitalistischen Welt eine Reihe von internationalen Regulierungsinstitutionen zwischen den Staaten. Die weiter dominierenden USA führen in diesen Institutionen seither mit Hilfe des informellen Kartells der wichtigsten kapitalistischen Mächte, den G7.

Agressivität des heutigen Imperialismus

Wie ist das nun in diesem Zusammenhang mit der vor allem von Lenin in seiner Analyse des Imperialismus herausgearbeiteten Tendenz zur Agressivität der kapitalistischen Gesellschaften? Vor allem mit der Gefahr des Austrags der Konkurrenz der Monopole der großen Staaten mit Hilfe von Krieg gegeneinander - also einem 3. Weltkrieg? Diese alte Frage scheint immer noch aktuell zu sein.
Die kriegerische Aggressivität gegen auszubeutende oder ausscherende Länder hat eine längere Tradition als den klassischen Imperialismus. Die grundlegenden Antriebe des Drangs zur Expansion des Kapitals sind ungebrochen. Praktisch handelt es sich dabei um die Frage, ob es sich lohnt, ökonomisch und politisch, nach außen und nach innen, ob es nicht anders geht und ob es möglich ist.
Heutzutage lohnt es sich nur selten und es geht meist auch anders.
Von der kulturellen Dominanz, der ökonomischen Erpressung, dem Einkauf der Bourgeoisie und anderer Schichten, der Bestechung von Politikern, über die Kooperation mit den Militärs, von Geheimdienstaktionen bis zur Anheizung von Terrorismus, Separatismus und ethnischen Säuberungen bis zum Bürgerkrieg bleibt alles, wenn nötig, im Gebrauch, vorrangig durch die USA.
Die gleiche Frage stellt sich bei der kriegerischen Konkurrenz untereinander. Lohnt es sich? Um welcher Vorteile willen sollten die Monopole Japans, Europas und der USA gegeneinander Krieg führen, wo sie doch all diese Vorteilen gemeinsam genießen, wenn auch konkurrierend? Für Japan und Europa gilt auf weitere Jahrzehnte, daß sie die USA militärisch nicht herausfordern können - ein Vergleich der Militärbudgets ist da sehr aufschlußreich.
Aus dem Dargelegten folgt: Ganz sicher befinden wir uns in einer Phase der Auflösung der alten, keynesianischen Formierung, die durch die Führung der US-Kapitale und ihres Staates bestimmt war.
Gleichwohl scheint sich die Dominanz der USA, vor allem militärisch vermittelt, eher noch zu verstärken.
Eine neue Formierung hat sich anscheinend bisher nicht herausgebildet. Für die Klärung der heutigen Verhältnisse handelt es sich also darum,
ob und wie das vielfältige, teilweise disparat erscheinende Bündel an alten und neuen Phänomenen sich zu einer neuen Konstellation für eine neue längerfristige kapitalistische Formierung mausert.
Ob sich unter unseren Augen gerade eine solche Formierung abspielt, ist unklar, vielleicht auch offen. Wahrscheinlich rührt auch daher das Rätseln um eine treffende Begrifflichkeit für die neuen Verhältnisse.






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III. Zur Weltgeschichte des Industriekapitalismus:

Perioden der kapitalistischen Industrialisierung,

der Entwicklung des Kapitals und seiner Formation


Dieser produktivkraftorientierte Teil der Geschichte des Industriekapitalismus kann auch im Reader aus Platzgründen nicht abgedruckt werden. Stattdessen wird der Aspekt der ökonomisch-politisch-militärischen Expansion dieser Geschichte, also Imperialismus im allgemeineren Verständnis, ausführlicher als Abschnitt IV im Reader aufgeführt.

(Der produktivkraftorientierte Teil kann per E-Mail bei J.Miehe bezogen werden: Joerg-Miehe@t-online.de

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1.   Kolonialismus und alter Imperialismus im Übergang zur Industrialisierung

Parallel zur Geschichte der kapitalistischen Industrialisierung läuft noch die Geschichte des alten und des neuen Imperialismus. Inwieweit die letztere notwendig mit der großen Industrie verbunden war oder sogar ihr Produkt, das war die zentrale Frage der Analyse des Imperialismus durch Lenin und seine Zeitgenossen. In modifizierter Form ist dies auch die Frage, die sich heute angesichts der neuen Dimension und neuen Formen der Internationalisierung stellt, inzwischen öffentlich unter dem Schlagwort globalisierung breit diskutiert.
Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts haben Portugal und Spanien ihre großen Siedlungskolonien, Edelmetallquellen und Plantagenländer in Süd- und Mittelamerika und in der Karibik (mit der Ausnahme Kubas) zum großen Teil verloren. Die ehemaligen Kolonien sind selbständig geworden und geraten zunächst unter den Einfluß englischen Handels und Kapitals und dann zunehmend unter US-Einfluß. Letzteres gilt relativ früh für Mexiko, dessen Nordteile sich die USA auf verschiedene Weise einverleibt haben und so einen Teil der inneren Kolonisation der USA bilden und es gilt später für die Karibik, vor allem für Kuba, und ganz Mittelamerika.
Holland und England als die wichtigsten auch konkurrierenden Mutterländer des Handelskapitalismus haben einen großen Teil dieser Handelskolonien behalten und wandeln sie teilweise in formelle Territorialherrschaften um. Sie werden teilweise privat in Form der Plantagenwirtschaft ausgebeutet oder sogar indirekt über Tribute an den Staat. Letzteres gilt besonders für die vollständige Kolonisierung Indiens durch England. Die weißen Siedlerkolonien in Nordamerika sind zunächst im Kampf mit Frankreich vollständig an England gefallen. Frankreich ist damit als alte Kolonialmacht weitgehend ausgeschaltet. Die nordamerikanischen Kolonien erkämpfen sich aber schon mit der Erklärung der Unabhängigkeit 1776 und ihrer Anerkennung durch England 1783 die Selbständigkeit. Kanada bleibt weiße Siedlerkolonie, Australien, Neuseeland und das Kapland in Südafrika werden erst noch dazu. Darüber hinaus behält, entwickelt oder gewinnt England militärische Stützpunkte auf dem Seeweg nach Indien, um Afrika herum und im Mittelmeer.
Für die erste Phase der Industrialisierung des Baumwollgewerbes mit der maschinellen Garnherstellung ist einerseits die ehemalige Kolonie USA mit der Plantagenproduktion von Baumwolle auf Basis von Sklavenarbeit wichtig. Entsprechend existiert ein florierender Sklavenhandel mit Schwarzafrika an den dortigen Handelsstützpunkten (der sogenannte Dreieckshandel). Andererseits sind vor allem Indien und die übrigen Kolonien als Absatzmärkte für Baumwolltuche wichtig.
Weitgehend parallel zur Entwicklung des neuen Imperialismus machen sich die noch bestehenden weißen Siedlerkolonien Englands zunehmend politisch unabhängig und gewinnen den Status von Dominions oder werden selbständig. Sie bleiben aber weitgehend im ökonomischen Verbund mit dem Mutterland und werden dann Ende des 19. Jahrhunderts durch gemeinsame Zollbestimmungen und eine einheitkliche Währung und zu einem ökonomischen Empire zusammengefaßt.
Indien, als Ort von Handelsstützpunkten und Kolonien der frühen Kolonialmacht Portugal, wird in ökonomisch-militärischer Konkurrenz zwischen französischem und englischem Handelskapital noch vor dem Beginn des industriellen Baumwollbooms in England weitgehend von der englischen East-India-Company kontrolliert. Anfang des 19. Jahrhunderts wird es von England militärisch und formell in eine Kolonie verwandelt und bleibt dies, auch über die Periode des klassischen Imperialismus hinweg, bis zum Ende des 2. Weltkrieges. Die Beherrschung und Ausbeutung wird, teilweise unter Belassung einheimischer Fürsten, als Territorialherrschaft organisiert und bleibt bis zum Ende des 2. Weltkrieges 1945 erhalten!
Die sich ändernden Verhältnisse zwischen Indien und England spiegeln die Wandlungen in Inhalt und Form der kolonialen, allgemein der imperialen Verhältnisse zwischen einem sich handels- und manufakturkapitalistisch entwickelnden und später sich industrialisierenden Land und seinen unterworfenen und abhängigen auswärtigen Territorien und zeigen gerade wegen der Kontinuität die Antriebe und Bedingungen der Veränderungen.
Eine neue Welle der Gewinnung kolonialer Einflußzonen und Territorien beginnt durch England mit den Opiumkriegen gegen China schon vor der Mitte des 19. Jahrhunderts. Sie fällt etwa mit der 2. Mechanisierungsphase der Textilindustrie und dem Beginn des Eisenbahnbooms zusammen. Daran beteiligen sich relativ schnell die meisten industriell-kapitalistischen Länder mit Handels-, Zoll- und Eisenbahnkonzessionen sowie entsprechenden Gründungen von Kolonialbanken vor Ort
Aus dieser parallelen Eroberung Chinas geht noch vor dem 1. Weltkrieg letztlich Japan als dominierendes Imperium in Ostasien hervor.
Im Gefolge dieser vielfältigen Unterwerfungsvorstöße unternimmt Frankreich in Hinterindien energische Kolonialisierungsanstrengungen und annektiert schließlich ganz Vietnam. Dabei geht es, neben den obligaten Eisenbahnkonzessionen, auch um eine neue Plantagenwirtschaft. Fast gleichzeitig erobert Frankreich in Nordafrika mit Algerien eine neue Siedlerkolonie. Zug um Zug werden dann große Teile Nordafrikas erobert und formell annektiert, allerdings nicht zu Siedlerkolonien ausgebaut. Ebenfalls in diesem Zusammenhang versucht Frankreich Ägypten, das sich aus dem osmanischen Reich gelöst hat, unter seine Kontrolle zu bringen und organisiert und finanziert den Bau des Suezkanals. Aber auch hier kann Frankreich der Konkurrenz nicht standhalten und verliert den Suezkanal und Ägypten an England.
Der eigentliche große Verlierer der Konkurrenz um koloniale Ausdehnung bis weit in den klassischen Imperialismus hinein ist Frankreich, der Gewinner ist zunächst England, die jeweils dabei engagierten Kapitalgruppen eingeschlossen.

2.   Weltpolitik: Neuer Imperialismus

In der zweiten Industrialisierungsperiode ab 1835-40 wuchsen zunächst bei der Eisenbahn die Betriebsgrößen und daher das Kapitalminimum. Gegen Ende dieser Periode geschieht dies auch in anderen Zweigen, vor allem den Grundstoffindustrien. Wie schon zu Beginn bei der Eisenbahn werden auch viele andere produzierende Kapitale in Aktiengesellschaften verwandelt. In diesem Zusammenhang verbinden sich zunehmend industrielle Kapitale mit monopolistischen Banken zum Finanzkapital.
Nach 20 Jahren starken Wachstums setzt um 1870/5 eine Phase verminderten Zuwachses bis 1895 ein. Sie ist mit drastischem Preis- und Profitverfall verbunden. In die Wirtschaftsgeschichte ist sie als Große Depression eingegangen. Die zunehmenden Größen und die neuen Verwertungsprobleme drängen die großen Kapitale zur Bändigung der Konkurrenz durch Kartelle und Monopolisierung.
Außer England reagieren die meisten der kapitalistischen Staaten auf die neue Situation protektionistisch mit neuen Schutzzöllen und einige mit dem Versuch, Absatzmärkte, Investitionsfelder und Rohstoffzugänge durch nachholenden Imperialismus zu gewinnen.
Erst mit diesen neuen Gegebenheiten eröffnet sich das Zeitalter des klassischen Imperialismus, das Lenin dann im 1.Weltkrieg untersucht hat.
Neben den schon bestehenden Kolonien der alten und neuen Kolonialmächte setzte ein systematischer Wettlauf um die koloniale Aufteilung von Afrika ein. Konzentrierten Ausdruck fand dieser Wettlauf mit der sogenannten Kongokonferenz 1885 in Berlin. Dort wurden zwischen den europäischen Groß- und Hauptkolonialmächten Regelungen über die Aufteilung Afrikas getroffen. Dabei wurde die private koloniale Erwerbung König Leopolds von Belgien, das Kongobecken, als staatliche Kolonie anerkannt. Bisher hatten in Afrika vor allem alte Handelsstützpunkte oder Siedlerkolonien die Szene bestimmt.
Das alte Kaiserreich China, noch vollständig landwirtschaftlich und feudal geprägt, ohne ernsthafte Ansätze von Kapitalisierung und Industrialisierung, geriet seit der frühen Mitte des Jahrhunderts mit den von England geführten Opium-Kriegen ebenfalls in den Strudel einer imperialistischen Aufteilung in Einflußzonen zur Öffnung für das Kapital der Hauptmächte.
Nachdem die USA-Navy Mitte des 19. Jahrhunderts das ebenso rückständig strukturierte Japan mit einer Kanonenbootaktion dem westlichen Handelskapital zugänglich gemacht hatte, inszenierte die dortige herrschende Klasse eine radikale bürgerliche Revolutionierung von oben. Nach ersten Erfolgen der kapitalistischen Industrialisierung beteiligte sich auch Japan am imperialistischen Wettlauf, übernahm Korea und Formosa, und sicherte sich erste Einflußsphären in China. Dieser Wettlauf spitzte sich zur militärischen Konfrontation zwischen Rußland und Japan zu, aus dem Japan 1905 siegreich hervorging. Letztlich war Japan die entschiedenste und erfolgreichste Macht, u.a. indem es die Mandschurei als Schwerindustriestandort ausbaute. Es konnte den 1. Weltkrieg zu weiterer Expansion nutzen ohne sich zu beteiligen und ohne von den Rivalen gestoppt zu werden. Später wurden die alten europäischen Kolonialmächte von Japan kurzerhand beiseite gedrängt.
Hier, wie auch in Südamerika und Afrika konnte die Konkurrenz der atlantischen Großmächte immer wieder in Kompromissen geregelt werden.
Vor allem nach der bürgerlichen Revolution 1911 in China und dem Ende des 1. Weltkrieges verschärften sich die Interessengegensätze und Konfrontationen zwischen den USA und Japan. Dieses setzte seine Expansion bis in die 40er Jahre des 20. Jahrhunderts hinein fort. Der Angriff Japans auf die Pazifikflotte der USA in Pearl Harbor auf Hawai eröffnete dann den Krieg und brachte überhaupt den Eintritt der USA in den 2. Weltkrieg. Der pazifische Feldzug der USA gegen Japans Imperium und Japan selbst machte dessen imperialistischer Expansion mit den beiden Atombomben und der folgenden Besetzung dann ein wahrlich radikales Ende.
Bemerkenswert ist, daß die alten britischen Erwerbungen und seine Dominions von keinem weltökonomischen Konkurrenten in Frage gestellt wurden, nicht einmal Kanada von den USA, obwohl sich dies ja angeboten hätte. Auch bei der Ausdehnung der Kap-Provinz in Südafrika durch einen brutalen und terroristischen Krieg Englands gegen die alten Siedlerkolonien von Holländern griff keiner der größeren Konkurrenten ein.
Ebenso bemerkenswert ist, daß die militärisch schwachen und ökonomisch abhängigen aber formell selbstständigen Staaten Südamerikas nicht in die Kampagne zur Neuaufteilung der Welt einbezogen wurden. Die bestehenden vorrangig britischen Investitionen und Handelsverbindungen wurden nicht bedroht. Aber auch England versuchte keine engere Anbindung dieser formell unabhängigen Staaten gegen die jetzt erklärte Reservierungspolitik der USA, die unter dem Banner der frühen anti-kolonialen Monroedoktrin für beide Amerikas vertreten wurde.
Schon hier zeigte sich,
daß die Kämpfe der alten europäischen Kolonialmächte, der beiden starken Neubewerber Japan, Deutschland und auch Italiens, die in der Aufteilung der Welt vor dem 1. Weltkrieg zu kulminieren schien, nur eine Übergangserscheinung zur späteren Dominanz der USA war
- wie sich dann schon im 1. Weltkrieg zeigen sollte. Zunächst trat dies nicht so klar zu Tage, da auch die USA mit Kuba und Hawai und den Philippinen imperialistische Fingerübungen machten. Generell und vor allem später unterschied sich der Modus der Hegemonie der USA von dem der anderen - nicht militärisch-politische Unterwerfung, sondern ökonomische Dominanz mit Hilfe des Prinzips der "Open Door" - wobei in Zweifelsfällen dann auch mal der "Big-Stick" der Intervention oder bei grundsätzlichen Fällen die Beteiligung und Entscheidung in den beiden Weltkriegen gewählt wurden.
Nach 1895 setzt eine zweite Etappe industrieller Expansion mit starkem Wachstum ein. In Europa dauert sie bis zum ersten Weltkrieg und in den USA sogar bis zur Weltwirtschaftskrise 1929!
Die USA expandieren weiter im Inneren, nachdem sie sich im 19. Jahrhundert mit Texas, Neumexiko und Kalifornien große Teile Nordmexikos einverleibt hatten. Um 1913 sind sie mit ihrer Industrieproduktion die erste Industriemacht, weit vor der nächsten. Auch in den USA entwickeln sich Monopolisierung, Kartellierung und Finanzkapital. Hier, wie auch sonst im entwickelten Kapitalismus, bildet sich als Spitze der Bourgeoisie eine Finanzoligarchie heraus. Auf dem Weltmarkt spielen die USA jedoch nur eine geringe Rolle, vor allem als Importeur von Gütern, Diensten und Kapital, vor allem für England und als Exporteur landwirtschaftlicher Güter.
Der Goldstandard hatte vor dem Weltkrieg die Internationalisierung des Handels vor allem zwischen den industrialisierten Ländern auf eine historisch beispiellose Höhe befördert.

3.   Die Auseinandersetzungen in und um Europa und Vorderasien

Ähnlich wie China stand das immer schwächer werdende feudale und nicht industrialisierte osmanische Großreich vor der Auflösung. Seine geostrategische Lage und seine Positionen waren zwischen den europäischen Großmächten schon seit langem Gegenstand von gegensätzlichen militärischen Ambitionen und ökonomischen Interessen (die Frage der Meerenge des Bosporus und der künftigen Lage in Ostanatolien, Palästina, Syrien und Mesopotamien). Die Lage in Ägypten (Suezkanal und Baumwolle) wurde von England unter Ausbootung von Frankreich mit Hilfe des dortigen Statthalters zu seinen Gunsten geklärt.
Das schwach und auch historisch obsolet gewordene alte Imperium Österreich-Ungarn versuchte zur inneren Stabilisierung eine letzte Expansion auf dem Balkan. Bosnien und Serbien waren für sich genommen keinen großen Krieg wert, wie auch die meisten neuen Kolonialerwerbungen der anderen Mächte nicht.
Aber der Balkan gehörte unter den damaligen Bedingungen geopolitisch und militärstrategisch in den Auflösungsprozess des osmanischen Reiches und fokussierte daher die dort bestehenden Interessengegensätze der großen Mächte.
Auch Rußland war daran beteiligt, nachdem es, ähnlich wie die USA, aber auf anderer politisch-ökonomischer Grundlage, eine kontinentale Expansionspolitik ohne ernsthaften Konkurrenten vollzogen hatte. Es konnte allerdings, ebenso wie Österreich-Ungarn oder das osmanische Reich der imperialistischen Konkurrenz des modernen Industriekapitalismus auf Dauer nicht standhalten, wie schon die Niederlage gegen den Neubewerber Japan 1905 gezeigt hatte. Außerdem befand es sich in einer inneren Lage, die auf tiefgreifende Umwälzungen drängte, wie die anschließende Revolutionzu Tage treten ließ. Rußland konnte seine auslandsfinanzierte Industrialisierung und Eisenbahnerschließung (vor allem durch französisches Kapital) ohne eine bürgerliche Revolution nicht ernstlich weiter treiben. Zur bürgerlichen Revolution von oben, wie in Deutschland oder Japan, war die herrschende Klasse nicht bereit, zur bürgerlichen Revolution von unten war das Bürgertum zu schwach.

4.   Die Rolle Deutschlands

Vor allem die politische Führung und Teile des Finanzkapitals in Deutschland sahen sich um 1900 bei der Aufteilung der Welt zu spät gekommen und forderten unter der Parole von einem "Platz an der Sonne" (Kaiser Wilhelm II) mit "Weltpolitik" und Aufrüstung eine "gleich-berechtigte" Beteiligung an der Aufteilung und Ausbeutung der Welt der Kolonien.
Der Kapitalexport aus Deutschland rangierte sehr weit hinter England und war noch deutlich kleiner als der Frankreichs. Allerdings verzeichnete er eine dramatische Steigerung im Jahrzehnt vor dem 1. Weltkrieg. Er konzentrierte sich allerdings auf die europäischen Länder, besonders Österreich-Ungarn. Dagegen blieben die Kapitalexporte in die Kolonien bis 1913 durchaus unerheblich.
Auch die Exporte von Industriegütern in die westeuropäischen Länder und die USA waren höher als in andere Gegenden und wurden ebensowenig gebremst, wie die Investitionen. So war z.B. England einer der Hauptabnehmer von Industriegütern aus Deutschland.
Die praktischen Richtungen der kolonialen Erwerbungen in Afrika und im Pazifik hatten also wenig mit den gegebenen Handels- und Anlageinteressen zu tun.
Nachdem England noch Ende des 19. Jahrhunderts mit seiner neuen Flottendoktrin des "doppelten Standards", stärker als die beiden nächstkleineren zusammen, versuchte seine Dominanz bei den Kriegsflotten auf den Weltmeeren und damit auch beim Welthandel über See zu sichern, versuchte Deutschland durch ein Wettrüsten bei der Hochseeflotte England unter Druck zu setzen. Außerdem kam es dann zwischen den wichtigsten Staaten in Europa auch zum Wettrüsten bei den Landheeren.
Begleitet war das von der Herausbildung zweier Militärkoalitionen. Angestoßen von den Ambitionen Österreich-Ungarns zur Unterwerfung Serbiens, bildeten diese Koalitionen auch die tatsächlichen Fronten im 1.Weltkrieg, nachdem Italien klugerweise noch rechtzeitig die Fronten gewechselt hatte.
Mit diesem Wettlauf der alten und neuen Großmächte um die Aufteilung Afrikas (hieran beteiligten sich weder die USA, oder Japan noch Österreich-Ungarn oder Rußland), die Aushöhlung Chinas und die Nachfolgeregelungen zum osmanischen Reich, ging eine neue Welle des Chauvinismus bis Rassismus durch die öffentliche Meinung der beteiligten kapitalistischen Länder.
Es waren also wohl nicht die konkreten, benennbaren, konkurrierenden ökonomischen Interessen, die die Lage auf dem Balkan zuspitzten, sondern die unabsehbaren Folgen einer grundlegenden Veränderung der geostrategischen Lage in der Konkurrenz der europäischen Großmächte bei der Auflösung des osmanischen Reiches und die Versuche der im Inneren morschen Imperien Österreich-Ungarn und Rußland sich mittels einer Vorwärtsstrategie zu retten, die die serbische Frage zum Auslöser des 1. Weltkrieges machte.

5.   Die weitere Entwicklung im und nach dem 1. Weltkrieg

Während des ersten Weltkrieges wurde der Goldstandard von fast allen Ländern aufgegeben. Notgedrungen versuchten die Mittelmächte ihre Rüstungsindustrie auf Selbstversorgung umzustellen.
Bei allen kriegsbeteiligten Mächten entwickelten sich neue, staatlich organisierte Instanzen zur Koordinierung der weiterhin privaten Rüstungsproduktion. Für die Zeit des Krieges bildeten sich erstmals Strukturen einer engen Kooperation zwischen den modernen Zentralstaaten und der privaten Großindustrie heraus, die von Lenin als staatsmonopolistischer Kapitalismus gekennzeichnet wurde.
Deutschland fand sich durch den merkwürdigen Verlauf des Krieges in der Situation, ein großes Territorium im Osten, die Ukraine und weite Teile Rußlands erobert und besetzt zu haben, was seinen eigentlichen Kriegszielen im Westen nicht entsprach. Hier deutet sich faktisch die im nächsten Krieg auch geplante Expansionsrichtung an.
Trotz der Niederlage Rußlands, der Interventionen und dem Bürgerkrieg gelingt die Aufteilung des alten Imperiums Rußland unter seine neuen Rivalen nicht. Die antifeudale und bürgerlich-demokratische Revolution wächst in eine anti-feudale und antiimperialistische Kriegsverweigerung hinüber und muß sich dann notgedrungen in einen antifeudalen und antiimperialistischen Abwehrkrieg gegen Reaktion und Interventionen verwandeln.
Auch wenn Japan sich in Sibirien wieder aus Rußland zurückziehen muß, kann es seine sonstige Kolonialexpansion verstärkt fortsetzen, ohne daran gehindert zu werden.
Das Großreich Österreich-Ungarn zerfällt in viele schwache Nationalstaaten ohne starkes Bürgertum und industrielle Basis, Ausnahme ist Tschechien. Entsprechend völkisch-reaktionär sind die politischen Auseinandersetzungen, die sich daraus ergeben. Deutschland, als der historisch vorgesehene ökonomische Erbe des Zusammenbruches des feudalen Großreichs, geht aufgrund seiner Niederlage zunächst leer aus.
Das osmanische Reich zerfällt, wie vorauszusehen. Aus ihm bildet sich eine bürgerlich-nationalistische und säkulare aber reaktionäre Militärdiktatur unter Atatürk in der Resttürkei, ebenfalls ohne entsprechende Klassen- und Industriebasis. Das schlimme Erbe der Modernisierungsdiktatur dieser Militärkaste und diese selber müssen die Völker der heutigen Türkei immer noch ertragen.
Die arabischen Provinzen des osmanischen Reiches werden von den bürgerlichen Staaten Europas in reaktionäre absolutistische Königreiche verwandelt, entgegen den internen Versuchen einer bürgerlichen gesamtarabischen Entwicklung. England und Frankreich können Teile davon, u. a. den Irak, als Protektorate gewinnen, verkleidet als Mandatsgebiete des Völkerbunds.
Frankreich, England, Holland, Portugal und Belgien konnten ihre Kolonien behalten und teilweise sogar ausbauen. Diese und die anderen Kolonien konnten allerdings nur er- und gehalten werden, da die USA keinen Versuch machten, dies zu verhindern. Besonders die kleinen und teilweise auch ökonomisch sehr schwachen Länder Holland, Belgien und Portugal machen deutlich,
daß die Konstellation der imperialistischen Konkurrenz um Kolonien und abgegrenzte Einflußgebiete sich ihrem Ende nähert.
Für die weitere ökonomische Entwicklung bekam mit der Verbreitung des Verbrennungsmotors, angetrieben durch den 1. Weltkrieg, das Erdöl als industrieller und militärischer Rohstoff völlig neue Bedeutung. Damit bekamen die neuen Protektorate und die schon längere Rivalität um Einfluß im Iran und in der Türkei eine neue Dimension. (Die beiden alten Ölmonopole der Nobels und der Rothschilds waren vor oder im ersten Weltkrieg, spätestens mit der 2. Revolution in Rußland untergegangen oder bedeutungslos geworden.)
Die USA erschienen auch in diesem Feld noch nicht als militärisch aktive Konkurrenten, da ihre Kapitale über eine anscheinend ausreichende Produktion im Inland verfügten und die dominierende Stellung im Vertrieb im Inland und auf den verschiedenen Märkten der Welt, besonders bei Rockefeller mit den Nachfolgegesellschaften der Standard-Oil, vorerst nicht bedroht schien. Es entwickelten sich zwei europäische Großkonzerne, die von Holland und England gefördert und von letzterem protegiert wurden, Royal-Dutch-Shell und British-Petrol (vormals Anglo-Iranian-Oil). Beide hatten Ölquellen in alten oder neuen abhängigen Gebieten. Aufgrund des Ausgangs des 1. Weltkrieges waren Frankreich und England allerdings derart in ihrem Gewicht geschrumpft und finanziell von den USA abhängig, daß sie den Forderungen nach Öffnung der Kolonien und nach Teilhabe an Erdölkonzessionen durch die USA keinen ernsthaften Widerstand entgegensetzen konnten.
Auf diese Weise hat sich in den 30er Jahren beginnend und unangefochten seit 1945 aus den verschiedenen Konzernen ein Weltkonsortium für Öl (die Majors, oder die 7 Schwestern) entwickelt, das in wechselnden Zusammensetzungen und Proportionen an fast allen Ölquellen und Ölfunden beteiligt ist.
Im alten Großreich China hatte es 1911 noch vor dem Weltkrieg eine bürgerliche Revolution gegeben. Aber ebenso wie in den anderen alten Großreichen gab es keine zureichende Klassen- und Industriebasis dafür. So konnte das bürgerliche Kuomintang-Regime sich nicht gegen die japanische Eroberungspolitik wehren und das Auseinanderbrechen in rivalisierende regionale Regime von Warlords nicht verhindern. Eine ähnliche Entwicklung wie in der Türkei unter Atatürk, gelang dem Regime unter Tchiang-Kai-Tchek nicht, auch wenn es massiv von den USA unterstützt wurde. Eine Entwicklung, wie in Rußland mit den Bolschewiki, war noch nicht möglich. Es fehlten noch die kommunistische Partei, ein Industrieproletariat in den Städten und eine industrielle Basis. Eine kommunistische Partei entwickelte sich dann aber in der Kombination von antifeudaler Bewegung der Bauern und antiimperialistischem Krieg, der notgedrungen vom bürgerlichen Regime gegen Japan geführt werden mußte.
Siegreich konnte dies 1949 aber nur werden, weil einerseits Japan durch die USA niedergeschlagen wurde und andererseits die UdSSR den 2. Weltkrieg siegreich überlebte und entsprechende Rückendeckung leistete. Sonst wäre die Entwicklung wohl eher wie in Korea und Vietnam verlaufen, wo die USA die reaktionärsten Kräfte an die Macht brachten, gegen die antifeudale und antiimperialistische Revolution unter Führung der Kommunisten.
Auch für die Zeit der Nachkriegskrisen nach 1918 blieb in den meisten Ländern der Goldstandard abgeschafft. Und erst nach und nach kehrten einzelne Länder bis zur Mitte der 20er Jahre wieder zu ihm zurück, übernahmen sich dabei aber teilweise mit der Festlegung der Wechselkurse.
Auch aus diesen Gründen blieb der internationale Handel mit Industriegütern nach 1918 im Vergleich zum Vorkriegsniveau niedrig.
Praktisch dümpelte die Konjunktur in fast allen entwickelten Ländern vor sich hin und entsprechend schwach entwickelte sich die Industrieproduktion und der Handel zwischen ihnen.
Nur das Industrie-Kapital in den USA setzte sein Wachstum seit dem Ende der großen Weltdepression von 1895 fort, durch den 1. Weltkrieg hindurch bis zum großen Crash an der Wallstreet 1929. Wegen der weiterhin überragenden Bedeutung des Binnenmarktes machten die USA zunächst keine Anstrengungen an Stelle des Goldes und des Pfundes den Dollar als Weltgeld zu installieren.
England und mit einigem Abstand Frankreich waren die beiden größten internationalen Kapitalgeber vor dem Weltkrieg. Sie haben durch die Finanzierung des Krieges ihre Anlagen verkaufen müssen oder verloren und sind zu Schuldnern geworden. Frankreich bei England und dieses bei den USA.
Damit haben sich die internationalen Kapitalverhältnisse durch die Kriegsfinanzierung umgedreht und den schon vorher gegebenen industriellen Potentialen angeglichen: Die USA dominieren jetzt auch als internationale Financiers!
Allerdings vermag die Londoner City ihre zentrale Funktion im internationalen Handels- und Kapitalverkehr, zwar etwas reduziert, noch bis zum 2. Weltkrieg aufrecht zu erhalten. Jedoch war England zu klein sowie nicht stark und dynamisch genug, um den Goldstandard dauerhaft allein aufrecht erhalten zu können. Auch mit der Wiederherstellung einer exklusiven Ster­lingzone in den 30er Jahren, die zusätzlich seine Kolonien und seine Dominions umfaßte, mußte es sich übernehmen.
Deutschland schied zunächst aus dem weiteren Wettbewerb um Kolonien und Einflußsphären aus. Es war durch die Kriegsschulden und die Friedensverträge verkleinert, ökonomisch gedrosselt, staatlich bankrott, militärisch zurechtgestutzt und teilweise besetzt. Die Kolonien wurden unter die anderen Kolonialmächte aufgeteilt. Eine finanzielle und ökonomische Konsolidierung und erneutes Wachstum wurden durch die Nachkriegsinflation und die Reparationsverpflichtungen aus dem Weltkrieg, sowie den flauen Weltmarkt erheblich behindert. Die USA waren wegen ihres Kreditengagements in Deutschland an der Lockerung oder Aufhebung der Reparationsverpflichtungen interessiert, England und Frankreich an der Aufrechterhaltung der Fesselung des Konkurrenten.
Gegen Mitte des Jahrzehnts konsolidierten sich die politischen und ökonomischen Verhältnisse und die deutschen Großkapitale konnten wieder wachsen, sich teilweise zu neuen Größenordnungen der Monopolisierung aufschwingen (IG-Farben, AEG, Siemens, Vereinigte Stahlwerke) und erfolgreich am sich erholenden Weltmarkt teilweise sogar mit dem US-Kapital konkurrieren.

6.   Weltwirtschaftskrise

Der Börsen-Crash von 1929 an der Wallstreet und die sich anschließende abgrundtiefe Weltwirtschaftskrise unterbrachen jäh die bisherigen Entwicklungen in Westeuropa und den USA.
In Deutschland verschärfte die staatliche Sparpolitik unter Brüning nach altliberalen Wirtschaftsrezepten die Krise des Kapitalismus 1929/33 zur Katastrophe.
Mit den Nazis sucht das deutsche Kapital dann einen staatlich organisierten Ausweg aus der Krise. Ab 33 orientierte die neue nazistische Führung auf Protektionismus und ab 36 wird massiv für einen erneuten Expansionskrieg aufgerüstet, diesmal gegen die UdSSR. Die Konkurrenz gegen Frankreich und England sollte diesmal nicht direkt an den Grenzen oder in Übersee ausgetragen werden, sondern über den Umweg der Eroberung und künftigen Dominanz eines kolonialen Großwirtschaftsraumes Mittel- und Osteuropa.
Damit waren bis zum 2. Weltkrieg die ökonomischen Interessen Frankreichs, Englands und der USA, auch jene Japans, nicht unmittelbar gefährdet. Auch die Ölinteressen des sich bildenden Weltkonsortiums waren nicht betroffen. Daher wurden die Abschüttelung der Knebelungen durch die Friedensverträge und die kleineren durch Erpressung erreichten Expansionen nach Österreich und Tschechien von den USA sowie von England und Frankreich hingenommen oder geduldet. Der Protektionismus bildete angesichts der darniederliegenden Weltwirtschaft keinen besonderen Anstoß, da er ja weder den Import noch das auswärtige Kapital in Deutschland ernstlich behinderte. Mit der Hauptstoßrichtung gegen die UdSSR konnten sich dagegen angesichts der Katastrophe des Weltkapitalismus viele Kapitalvertreter zumindest in der Phantasie durchaus befreunden.
Daß wieder mal alles anders kam und die Naziführung sowie das deutsche Finanzkapital sich eine Weltkoalition gegen ihre Expansionspläne organisierten, zeigt im 2. Weltkrieg eine ähnliche Maßlosigkeit und Abenteuerlichkeit solcher Pläne wie im 1. und wie bei Japan im zweiten. Letztlich wurden, wie im ersten Weltkrieg die Interessen und die überwältigenden Ressourcen der USA völlig ausgeblendet, und die neuen Möglichkeiten der inzwischen industrialisierten sozialistischen UdSSR völlig unterschätzt.
Bis zum 2.Weltkrieg können sich weder die USA noch England und Frankreich ökonomisch konsolidieren. In den USA beginnt ein neuer nationaler ökonomischer Kurs der staatlichen Regulierung und eines neuen Klassenkompromisses:
Der keynesianisch inspirierte New Deal - das Vorbild für die neue Politik nach 1945 vor allem in Europa.
Aber ein durchgreifender wirtschaftlicher Aufschwung setzt erst mit der Produktion für den 2. Weltkrieg ein.

7.   Zweiter Weltkrieg

Japan kann seine imperialistische Kolonialexpansion verstärkt fortsetzen, ohne daran gehindert zu werden. Es wird erst mit dem pazifischen Seekrieg im 2. Weltkrieg durch die USA radikal gestoppt.
War die japanische Expansion (Korea, Formosa, Mandschurei ) vor und im 1. Weltkrieg noch unterhalb der Schwelle der US-Hegemonie- inte­ressen geblieben, so änderte sich das in den 30er Jahren mit der formellen Besetzung der Mandschurei und dem Krieg gegen China. Das konsortiale Weltmonopol der Öl Konzerne unter Führung der USA war allerdings durch Japan und seine Expansion in keinem Fall unmittelbar gefährdet.
Die militärische kolonialimperialistische Expansion Japans in China zwischen den Weltkriegen und anschließend im pazifischen Raum traf zwar zunächst keine direkten US-Investitions- oder Rohstoffinteressen, sondern eher die europäischen Erdölmonopole und die alten Kolonialmächte. Aber sie stand doch der Politik der "Open Door" der USA für ihre Konzerne und den damit verbundenen großen Hoffnungen auf das Riesenland China diametral entgegen. Der Versuch der USA, die weitere Expansion Japans durch das ökonomische Mittel eines Embargos aufzuhalten scheiterte.
Die japanische Führung entschied sich gegen Kompromiß oder Aufgabe ihrer exklusiven Expansion und trat die abenteuerliche Flucht in den Krieg mit den USA an. Dies endete voraussehbar mit der militärisch und politisch totalen Niederlage des japanischen Staates und ökonomisch mit der seines Kapitals und seiner Bourgeoisie.
Nachdem England als wichtiger Teil der welthegemonialen US-Ökonomie ernsthaft bedroht zu werden schien, griffen die USA bei Anlaß des Angriffs von Japan und der deutschen Kriegserklärung in den Kampf in Europa gegen Deutschland ein und entschieden ihn in der bekannten Weise. Die Folgen und die weitere Entwicklung waren ähnlich wie im Falle Japans, nur daß die Besatzungsherrschaft in Deutschland vor allem mit der UdSSR geteilt werden mußte.

8.   Nach dem 2. Weltkrieg 1945

Die Entwickliungen nach dem Krieg spielen sich in der sog westlichen Welt dann unter der umfassenden Hegemonie der USA ab.
Mit dem Dollar als einzigem Weltgeld, an das Gold gebunden und reguliert, vertraglich mit den anderen kapitalistischen Zentralbanken abgesichert (Bretton-Woods).
Mit einer Notfallsicherung versehen, institutionell in Form des Weltwährungsfonds (IWF), ebenfalls unter Dominanz der USA.
Mit den umfassenden und dominierenden Anti-sozialistischen Kriegsbündnissen, die zugleich die früheren Konkurrenten unter Quarantäne und die Ölstaaten im Nahmen Osten, sowie indirekt Indien unter Kontrolle halten: Nato, Seato, die Verträge mit Japan.
Mit einem formellen Weltregime in Form der UNO, das zunächst als politisch-miliärisches Co-Management von USA und UdSSR gedacht war, aber indirekt in eine weitere Säule der USA-Hegemonie verwandelt wurde.
Mit einer Militärmacht, die neben dem technischen Monopol auf die durch Flugzeuge transportierte Atombombe auch das faktische Monopol auf die weltumspannende Ozeanflotte der Flugzeugträgergeschwader hatte und immer noch hat!
Dagegen konnten die Landtruppen im Einflußbereich der UdSSR und später Chinas keine Dominanz erreichen.
Mit einer Industrieproduktion, die nach Umfang, Diversifizierung und Produktivität ohne jede Konkurrenz in der Welt war. Zum riesigen Binnenmarkt der USA kam also der sich langsam erholende Weltmarkt in den anderen entwickelten kapitalistischen Ländern und in verschiedenen Ländern der kapitalistischen Peripherie hinzu, soweit sie nicht weiter unter Kolonialherrschaft der Europäer standen.
Mit einem Wissenschaftpotential, das jenes aller früheren Konkurrenten und nachmaligen Vassallen zusammen in den Schatten stellte und durch die KriegsAnstrengungen treibhausmäßig gefördert war und weiter gefördert wurde - besonders in den entscheidenden Technologiebereichen.
Schließlich mit einer Kultur-Industrie, die besonders die neuen technischen Medien zunächst konkurrenzlos als Instrument benutzten, die sich wiederum ebenfalls auf den riesigen Binnenmarkt der USA stützen konnte.
Deren technische Basis wurde dann in der Informations-Industrie weiterentwickelt, die eine fast monopolartige Stellung in der Welt gewonnen hat.
Letztlich die formelle und informelle politische Dominanz der US-Regierung, auch auf der Ebene der Geheimdienste, die all die Ressourcen der anderen Ebenen zusammenfasste und ausnutzen konnte.
Dies war die Basis eines beispiellosen Erfolges des US-Warenexportes und später eines noch größeren Kapitalexportes. Das gab den großen Konzernen der USA, und damit ihren Finanzgruppen, eine zunächst unbeschränkte Vorherrschaft auf dem gesamten kapitalistischen Weltmarkt.
Bis etwa 1975 war dieses Vorherrschaftsregime geprägt von einer die ganze kapitalistische Welt umfassenden langfristigen Wachstumsphase. Darin entwickelte sich im Zeichen des Kalten Krieges gegen die UdSSR und den Sozialismus eine gewollte und geförderte beispiellose ökonomische Aufholjagd der Vasallen der USA: Bei Produkten und Verfahren, bei Produktivität und Zugang zum Weltmarkt. Während die industrielle Entwicklung in den USA nicht stillstand, konnten die Vasallen sich ökonomisch in ihren Heimatländern und teilweise auch darüber hinaus zu ökonomischen Rivalen entwickeln. Später, nach 1975 sogar in den USA selber. Ökonomisch waren die USA in dieser Zeit eine Art wohlwollender Hegemon, unter dem sich eine Co-Entwicklung der anderen nationalen Bourgeoisien abspielen konnte. Für einzelne Staaten in Süd-Sost-Asiens galt dies ja bis in die jüngste Zeit.
Nach der totalen Niederlage der beiden letzten unbotmäßigen kapitalistischen Konkurrenten und der Herstellung der US-Hegemonie durften dann das japanische und das deutsche Kapital im Zeichen des kalten Krieges gegen den Sozialismus in der UdSSR und China die Kapitalakkumulation fortsetzen und wieder an der Entwicklung des Weltkapitalismus teilnehmen. Diesmal allerdings als Juniorpartner unter der Aufsicht der USA - mit großem Erfolg für beide Länder und ihre Bourgeoisien, wie wir wissen.
In mehreren Wellen gelang es den antikolonialen Bewegungen die Herrschaft der alten Kolonialmächte in Asien und Afrika bis etwa Mitte der 70er Jahre abzuschütteln.
Soweit damit keine angebliche oder tatsächliche kommunistische, sprich anti-US-kapitalistische Gefahr verbunden war, wurde dieser Prozeß von den USA nicht behindert, manchmal sogar gefördert. Sowie darin aber eine solche Gefahr gewittert wurde, verwandelten die USA dies in einen antisozialistischen Krieg, wie in Korea und Vietnam. Sonst wurden eher Staatsstreiche oder Stellvertreterkriege organisiert. Mit dem Diktator Suharto in Indonesien ist gerade eines der letzten solcher antikommunistischen Putschregimes innenpolitisch gescheitert und mit Pinochet ist in England ein späterer Putchist vorläufig gestranded. In Angola dagegen findet der Ausläufer eines solches Krieges immer noch kein Ende.
Die fast unendliche Geschichte der Interventionen der USA in kleinen und größeren südamerikanischen Ländern setzte sich auch nach 1945 fort und weitete sich über die ganze Welt aus. Ihr Inhalt war einerseits orientiert an dem Kampf gegen antifeudale, demokratische oder auch nur anti-imperialistische Bewegungen und Regierungsbildungen oder -politik, andererseits direkt gegen Bündnisse solcher Bewegungen und Regierungen mit der Sowjetunion. Dabei spielte der direkte US-Militäreinsatz nur in Mittelamerika und der Karibik die zentrale Rolle, mit Ausnahmen bei Libanon, Irak, und 1999 gegen Jugoslawien.
Nach dem Abtreten der konkurrierenden sozialistischen Hegemonialmacht UdSSR nach 1990 von der Weltbühne, politisch, militärisch, ökonomisch, gesellschaftspolitisch und wissenschaftlich
findet sich die wirklich globale Macht der USA in einer merkwürdigen neuen Monopolstellung.
Ernsthafte politisch-militärische Konkurrenten gleicher oder antagonistischer Art gibt es nicht mehr - was China betrifft vorerst noch nicht. Die großen Weltkonzerne in allen Staaten und Regionen beginnen sich in allen drei oder vier Weltregionen zu etablieren. Sie haben meist beide Füße noch in den Heimatregionen oder Staaten, eine Hand meist aber schon in allen anderen. Sie bedürfen weiterhin der Staatlichkeit, möchten sie aber in anderen Fragen weitgehend zurückdrängen. Eine umfassende Staatlichkeit, die alle großen kapitalistischen Regionen der Welt vereint, ist nicht in Sicht und von den US-Konzernen angesichts der USA-Dominanz wohl auch nicht gewünscht.
Die USA haben im Golfkrieg ihre militärische Führungsrolle ausgebaut und demonstriert, im Krieg gegen Jugoslwien wiederholt. Mit den militärtechnischen Entwicklungen und den Veränderungen der Militärverträge, die Ausdehnung der NATO nach Osten eingeschlossen, bauen sie ihre dominierende militärische Rolle aus.
Gleichwohl werden sie trotz des schon länger andauernden konjunkturellen Wachstumsvorsprungs gegenüber den Konkurrenten auf Dauer die ökonomische Dominanz rein amerikanischer Konzerne und amerikanischen Kapitals nicht aufrecht erhalten können.
Eine Rückentwicklung der Internationalisierung auf jeweilige Triadenmärkte macht für die meisten Transnationalen Konzerne keinen Sinn. In welche Richtung sich daher dieser Widerspruch entwickelt ist vorerst nicht absehbar. Eine militärische Herausforderung der USA ist jedenfalls, selbst bei einer nächsten tiefen dortigen Wirtschaftskrise, angesichts der vorhandenen Potentiale kaum vorstellbar.






V. Lenin und der klassische Imperialismus




Marx Theorien des Kapitals und der kapitalistischen Formation sind die Grundlage für die Leninsche Imperialismusanalyse. Beim Studium der englischen Entwicklung des industriellen Kapitals fand er einige wichtige historische Umstände, die er im "Kapital" nicht mehr systematisch untersucht.
·      Das Industriekapital entsteht aus der Produktion für den internationalen Handel (Baumwollspinnerei u Weberei): Es setzt den Weltmarkt voraus und treibt ihn voran.
·      Kapital setzt bei seiner Entstehung Staatlichkeit nach innen und außen voraus.
·      Es bedarf der Staatlichkeit auch grundsätzlich sowohl nach innen (Garantie der Arbeitsverhältnisse, der Eigentumsverhältnisse und der bürgerlichen Verkehrsformen, Geld, Recht usw.);
·      bei Existenz von konkurrierenden Produktionsweisen oder konkurrierenden Kapitalen in anderen Staaten, ist Staatlichkeit auch nach außen erforderlich;
Wesentliche strukturelle Eigenschaften des Kapitals sind dann nach der Darstellung im "Kapital":
·      Kapital ist seiner Natur nach wachsend: Akkumulation in Form von Konzentration und Zentralisation;
·      Kapitalverwertung unter Konkurrenz verlangt nach technischer Verbesserung der Produktion, um beim einzelnen Kapital die Kosten zu senken und damit einen Extraprofit zu erringen. Die allgemeine gesamtwirtschaftliche Wirkung ist eine Vergrößerung der Produktion des relativen Mehrwertes. Historisch erzeugen die Aneignung des Profits und seine Akkumulation unter Konkurrenz technischen Fortschritt - die kapitalistische Produktionsweise entwickelt sich als dauerhafte Revolution der Produktivkräfte.
·      Kurz- und langfristig ändern sich dadurch die physische und die wertmäßige Zusammensetzung des Kapitals. Arbeitskräfte werden durch Maschinerie ersetzt, mit der eine vergrößerte Rohstoffmenge verarbeitet werden kann, Lohnaufwendungen werden durch Anlagekapital ersetzt, bei zunehmender Erhöhung des Umlaufkapitals, variables also durch konstantes Kapital ersetzt.
·      Das einzelne Kapital als individuelles und privates Subjekt der ökonomischen Prozesse findet sich in freier und anonymer Konkurrenz zu einer großen Zahl von anderen im gleichen Feld angelegten Kapitalen.
·      Die Akkumulation führt über Konzentration und Zentralisation zur Beseitigung vieler Einzelkapitale und damit zur Tendenz der Aufhebung der freien Konkurrenz in der Monopolisierung.
·      Die Regulation des ökonomischen Gesamtprozesses erfolgt durch den Wert am Maßstab der Durchschnittsprofitrate mittels Kapitalwanderung sowie Konjunkturen und Krisen; theoretisch entwickelt im Wertgesetz.
·      Das Kapital hat keine prinzipiellen Schranken, ist grenzenlos, sowohl nach innen, wie nach außen.
Die historische Konsequenz ist die Herstellung des Weltmarktes. Die vorhandenen Grenzen der Nationalstaaten sind daher für die Kapitalentwicklung historisch zufällig, allerdings von größter praktischer Bedeutung (siehe den Unterschied von England und USA in der historischen Entwicklung). Die wachsenden Größen der Kapitale in Handel, Produktion und Anlagen werden notwendig irgendwann die nationalen Grenzen der Herkunfts- und damit auch der fremden Staaten überschreiten.
·      Akkumulation, Fortentwicklung und Vergrößerung der Produktivkräfte lassen das Kapitalminimum für den Beginn der individuellen Existenz und Verwertung neuer einzelner Kapitale ansteigen.
·      Zur Überwindung dieser zunehmend höher werdenden Schwelle entsteht die Aktiengesellschaft. Mehrere oder viele individuelle kleine Kapitalbestände werden zum kollektiven, operativen Eigentum von Teilen der Kapitalistenklasse zusammengefaßt.
·      Neue Kapitale treten immer häufiger als Ausgründungen schon bestehender Industriekapitale auf.
·      Die Lohnhöhe der Arbeiter beim Kapital bestimmt sich einerseits nach dem jeweils historisch entstandenen notwendigen Niveau der Reproduktion ihrer Individuen und der Klasse. Andererseits bestimmt sie sich nach dem Verhältnis der Nachfrage zum Angebot an Arbeitskräften. Dieses wiederum ist ein Ergebnis historischer demographischer Umstände einerseits und der Stärke der Akkumulation andererseits. Deren Entwicklung ist jedoch tendenziell auch mit der Einsparung von Arbeitskräften verbunden.
·      Zusammengefaßt: Die Lohnhöhe hängt bei bodenständiger Reproduktion der Arbeiterklasse (also ohne Zuwanderung) vom Kräfteverhältnis der Klassen ab.
·      Aus diesem Verhältnis können keine allgemeinen Schlüsse für die Interessen der Kapitalistenklasse an einer bestimmten staatlichen Politik hinsichtlich der sozialen Reproduktion der Arbeiterklasse gezogen werden.
·      Nur zwei Grenzen lassen sich benennen:
-        Es müssen nach Zahl, Gesundheit und Qualifikation genügend Arbeitskräfte für die Ausbeutung, d. h., die Verwertung und Akkumulation des angelegten Kapitals vorhanden sein. (Dafür müssen im Zweifelsfall die Einwanderung, das Abtreibungsverbot, die Verselbständigung, die Schulen, das Gesundheitswesen, die Wohnungsverhältnisse oder auch die Armenfürsorge, oder sogar die Ausbeutungsbedingungen selbst staatlich geändert werden.)
-        Die Löhne dürfen für die Kapitalverwertung nicht zu hoch sein. (Auswanderung des Kapitals, Bekämpfung der Gewerkschaften und einiges oben genannte können als Gegenmaßnahmen dafür in Frage kommen.)
·      Für eine staatliche Konjunkturpolitik zur Herstellung und Verbesserung der Verwertungsverhältnisse gibt es ebenfalls keine allgemeinen Schlüsse aus den grundlegenden Strukturen des Kapitals. Ebenso wie das Verhältnis zur Arbeiterklasse ist dies von vielen historischen Bedingungen abhängig. Möglicherweise gibt es bei diesen Bedingungen längere Zeitabschnitte in bestimmten Ländern, mit bestimmten festeren Konstellationen (z.B. Fordismus), aus denen dann strukturierte Interessen der Kapitalistenklasse an einer bestimmten Art der Regulation der Arbeitsmärkte, der Arbeitsbedingungen und der staatlichen Wirtschaftspolitik hervorgehen.
·      Eventuell können solche Konstellationen dann auch in theoretischen und ideologischen Konzepten ihren Niederschlag finden (z.B. [Alt-]Liberalismus, Keynesianismus, Neoliberalismus).
·      Allgemein ist das Verhältnis von Ökonomie, der sog "bürgerlichen Gesellschaft" zu den staatlichen Strukturen (Gesetzgebung, Verwaltung, Regierung, Polizei, Justiz, Finanzen mit Steuern, Zöllen, Ausgaben, Geldwesen und ökonomischen Regulierungen) eines von ökonomischer Basis (die Produktionsweise als Kombination von Produktivkräften und Eigentumsverhältnissen) und staatlichem Überbau. Dieser wird letztlich und auf lange Sicht von jener bestimmt.
Es zeigt sich, daß alle Grundmerkmale der marxschen Bestimmung von Kapital und Kapitalismus auch heute noch zutreffen. Die heutigen Besonderheiten des Weltkapitalismus gegenüber vorherigen Zuständen müssen also in veränderten historischen Umständen oder in zusätzlichen strukturellen Momenten des gewachsenen Kapitals und des sich entwickelnden Kapitalismus gesucht werden.

1.   Lenin und der klassische Imperialismus

Weltökonomie

Der damals, um 1880 neue Imperialismus erschien zunächst als Wettlauf um die koloniale Aufteilung der noch nicht okkupierten Teile der Welt. Es waren aber keineswegs nur die spektakulären politischen Ereignisse und Prozesse, die den damaligen Kommentatoren und Analytikern ein neues Zeitalter ankündigten. Es waren ebensosehr ökonomische Veränderungen, die dem Kapitalismus eine neue Qualität zu geben schienen:
·      Herausbildung von großen Produktionseinheiten (Betrieben) in den alten und neuen Schlüssel-Industrien (Eisenbahn, Kohle, Stahl, Elektroindustrie, Chemie); dramatische Steigerungen von Produktivität und Produktion in den alten Grundindustrien: Gewinnung von Kohle, Eisen, Stahl und Walzerzeugnissen.
·      dem entsprechend, Herausbildung von großen operativen Kapitaleinheiten, industriellen Großkapitalen durch Konzentration und Zentralisation; erster Antrieb war die größere Rentabilität technisch integrierter Großanlagen.
·      Diese Prozesse lassen in wichtigen Industriezweigen nur noch wenige Produzenten und Anbieter übrig.
·      Die bisherige Konkurrenz der Einzelkapitale als anonymer Marktprozeß bekommt den Charakter direkter Konfrontation weniger einzelner Großkapitale. Die freie Konkurrenz der Frühzeit des industriellen Kapitals wird durch eine monopolistische Konkurrenz abgelöst. (bei gleichem Sinn, müßte es begrifflich genauer oligopolistisch heißen).
·      Die Großkapitale versuchen die Konfrontationen durch vertragliche Abmachungen zwischen ihnen zu dämpfen: Umfassende Bildung von Kartellen, Syndikaten und Konzernen (Trusts in den USA). Antrieb zur Kanalisierung der Konkurrenz ist die Hochhaltung der Verkaufspreise und eventuell auch schon das Drücken der Einkaufspreise, mit dem Ziel einer höheren Kapitalverwertung, also Monopolprofit.
·      Auf einer breiten Basis von Kleinproduzenten, kleinerem und mittlerem Kapital werden die neuen großen Kapitaleinheiten richtungsbestimmend für die industrielle Produktion und dominant für die ökonomischen Prozesse und ihre Entwicklung:
·      Seit jener Zeit wird das Monopol die bestimmende Gestalt für das Industriekapital, d.h. für das grundlegende Produktionsverhältnis des Kapitalismus und seiner Entwicklung.
·      Parallel dazu bilden sich im Bereich des Kredits ebenfalls große Kapitaleinheiten heraus. Es entstehen einige wenige Riesenbanken, die ebenfalls in monopolistischer Konkurrenz zueinander stehen.
·      Industrie- und Bankmonopole verhelfen sich gegenseitig zu ihrer neuen Größe und gehen im Verlauf dieser Prozesse enge Verbindungen ein. Die Basis dieser Verbindungen erweitert sich über den industriellen Großkredit und das Hausbanksystem hinaus. Die großen operativen Kapitaleinheiten in der Industrie und in der Bankwelt werden zu Aktiengesellschaften und ihre Verbindung erfolgt dann u. a. durch Überkreuzbeteiligung an den Aktien.
·      Die neue Gestalt des dominierenden Kapitals wird geboren: Das Finanzkapital.
·      Das Eigentum der privaten Kapitalbesitzer verwandelt sich zunehmend in Beteiligungen an Aktiengesellschaften, sie werden Aktionäre. Die Aktiengesellschaften verwandeln sich also zum kollektiven Eigentum von Teilen der Bourgeoisie.
·      Das dominierende Eigentum weniger Familien an jeweils bestimmten Gruppen von Aktiengesellschaften, meist einem Verbund aus Industrie- und Bankkapital, gerinnt dann zu Finanzgruppen.
·      Zusammen mit ihren angestellten Spitzenmanagern bilden diese Eigentümer seitdem die Spitze der Bourgeoisie: Die Finanzoligarchie.
·      Mit der Rüstungsproduktion im 1. Weltkrieg etabliert sich der sogenannte staatsmonopolitistische Kapitalismus (Stamokap), verschwindet allerdings zunächst nach dem Krieg wieder.

Monopole und die Weltwirtschaft

Die Auseinandersetzungen um die letzten neuen Kolonien zielten auf die Aufrechterhaltung oder Erringung einer privilegierten nationalen ökonomischen Sphäre - bei den etablierten Kolonialmächten auf die Absicherung und Abrundung ihrer Imperien. Das traf besonders auf das englische Empire zu, das den Weltmarkt dominierte, das buchstäblich auch eine eigene Weltwirtschaft darstellte.
Allerdings war der industrielle Absatz auf dem Weltmarkt auch an dessen Konjunkturen gebunden. Die nationalen Produktionen für den Weltmarkt konnten sich dem also nicht entziehen.
Seit etwa Mitte der 70er Jahre des 19. Jahrhunderts ließ die bisherige Wachstumsdynamik der industriellen Produktion in den kapitalistischen Hauptländern Westeuropas erheblich nach. In den USA dauerte die Rekonstruktionskonjunktur nach dem Bürgerkrieg etwas länger. Eine lang anhaltende bis etwa 1895 dauernde Depression mit geringeren Wachstumsraten, dauerndem Preisverfall und deutlichem Rückgang der Profitraten bestimmte das weltwirtschaftliche Klima mit weitreichenden Folgen:
·      Diese lange Depression der Weltwirtschaft trieb die Herausbildung von Monopolen in den Nationalstaaten zusätzlich voran.
·      Die Größenordnung der Produktionsbetriebe und der Kapitale erreichte in einigen Nationalstaaten eine Dimension, die sie zum Export, d.h. auf die Eroberung von Anteilen am Weltmarkt trieb.
·      Das geht zunächst nur in einigen wenigen Industriezweigen und bei wenigen Produkten vor sich.
·      In den USA entstehen auf dem schnell wachsenden, riesigen Binnenmarkt industrielle Großkapitale. Wenn sie sich dem Weltmarkt zuwenden, sind sie aufgrund ihrer vorher gewonnenen Größe auch dort schon Monopole,
·      Die allgemeine Wachstumsschwäche trieb auch die fortgeschritteneren kapitalistischen Länder zu einer protektionistischen Wirtschaftspolitik, wobei England zunächst eine Ausnahme bildet. Die Zollmauern wurden wieder hoch gesetzt und andere Einfuhrhürden aufgebaut.
·      Die schon erreichte Internationalisierung des Handels geriet gerade zu dem Zeitpunkt ins Stocken, als sie sich aufgrund der Produktions- und Produktivitätssteigerungen der großen Industrien in den Binnenmärkten hätte intensivieren müssen.
·      Der Goldstandard wurde als internationale Regelung der Währungsverhältnisse auch während der Depression bis zum 1. Weltkrieg beibehalten.
·      Ab etwa 1895 änderte sich die internationale Konjunktur wieder grundlegend. Die Wachstumsraten wurden wieder größer, die Profitraten stiegen, das Kapital und der Kapitalismus dehnten sich nach innen und weiter über die Welt aus. Die neuen Industrien gewannen nun richtig an Gewicht und wurden für die weitere materielle Entwicklung wesentlich: Elektroindustrie und Chemie.
·      Der Kapitalexport aus den entwickelten kapitalistischen Ländern steigerte sich erheblich. Vor allem aus England in seine Dominions und in die USA, aus Frankreich besonders nach Rußland und in seine Kolonien. Der Kapitalexport aus Deutschland rangierte sehr weit hinter England und war noch deutlich kleiner als der Frankreichs. Allerdings verzeichnete er eine dramatische Steigerung im Jahrzehnt vor dem 1. Weltkrieg. Er konzentrierte sich auf Österreich-Ungarn und mit erheblichen Anteilen, wenn auch kleineren Größen auf England, Italien, Rumänien, Spanien, Japan, das osmanische Reich, Frankreich, Niederlande, Schweiz, Portugal und auch Rußland. Alle Kapitalexporte Deutschlands in die Kolonien zusammen hatten in etwa die Größenordnung der Summe zweier mittlerer Länder in Europa.

2.   Lenins Folgerungen

Was vor ihm viele Kritiker und Theoretiker anhand der ökonomischen Entwicklung prognostiziert hatten, konnte Lenin jetzt anhand des tatsächlichen Ausbruchs des 1. Weltkrieges anscheinend bestätigt finden:
Monopolisierung, Herausbildung des Finanzkapitals und Internationalisierung bilden den Hintergrund der Strukturen und der darin eingelagerten Interessen für die imperialistische Politik der kapitalistischen Hauptstaaten.
Ein Teil der weltweiten Absatz- und Anlagesphären war schon unter die führenden Staaten und Weltkapitale aufgeteilt.
Einerseits vorrangig unter die beiden alten Kolonialmächte Frankreich und England, andererseits an das alte Imperium Rußland, das sich gerade kapitalisiert und drittens an die sich ohne ernsten Konkurrenten auf dem Nordteil Amerikas ausdehnenden USA mit ihrer ungeheuer schnell wachsenden Ökonomie und fünftens an die neue Kolonialmacht Japan.
Das in den Kolonien angelegte Kapital der Mutterländer wurde seit jeher direkt von deren Regierungen geschützt, auch mit militärischen Mitteln. Daher existierte in den Kolonien und teils auch in den britischen Dominions eine Privilegierung für diese Kapitalien und diese Regionen standen der offenen Kapitalanlage aus konkurrierenden Ländern nicht zur Verfügung.
Die neu entstehenden industriellen Großkapitale suchen für ihren aus der technischen Großproduktion und der Monopolisierung stammenden Kapitalüberschuß eine Ausweitung ihrer engen nationalen Anlagesphäre. Sie finden diese im Ausland schon besetzt und besonders in den Kolonien staatlich geschützt.
Daher drängen sie auf eine Neuaufteilung der Kolonien und versuchen eine Öffnung der abgeschlossenen Sphären zu erreichen.
Beides erscheint nur mit entsprechendem ökonomischem oder militärischem Druck ihrer Regierungen erreichbar.
Das gilt besonders für das profitablere und daher schneller als die europäischen Konkurrenten wachsende deutsche und auch für das ebenso rasant wachsende japanische Industriekapital.
In den entwickelten kapitalistischen Ländern
Europas ist für einen Teil ihrer großen Industriekapitale offensichtlich die Schwelle erreicht, wo die nationalen staatlichen Grenzen zur Schranke werden und überschritten werden müssen.
Der Monopolprofit drängt auf internationale Anlage. Der Handel auf dem Weltmarkt reicht als Verwertungsfeld nicht mehr aus. Die Produktion als Feld der Kapitalverwertung muß über die nationalen Grenzen hinausgetragen werden: Kapitalexport wird zu einem Hauptanlagefeld des wachsenden Kapitals
Die Konkurrenz um auswärtige Anlagefelder wird von nationalen Kapitalgruppen und Kapitalkoalitionen mit Hilfe der nationalen Regierungen betrieben. Finanzgruppen und industrielle Großkapitale bündeln ihre Expansionsinteressen derart, daß sie über ihren Einfluß die Politik der Regierungen der jeweiligen Nationalstaaten direkt für ihre expansiven oder ihre Verteidigungsinteressen instrumentalisieren.
Die Konkurrenz der Monopole um Sphären der Kapitalverwertung wird zur Konkurrenz der Staaten um koloniale Annexionen und Transportwege, des Militärs um militärstrategische Positionen gegenüber schwächeren Gesellschaften und Staaten und führt letztlich zur militärischen Konfrontation von Staaten und Staatenkoalitionen der entwickelten kapitalistischen Welt.
Das schließt militärische Drohungen, Kommandounternehmen und letztlich auch massive Aufrüstung für strategische Zwecke mit ein.
Letztlich kann und muß dies zur militärischen Korrektur der gegebenen Verteilung der Kolonien und Anlagesphären führen - zum Krieg zwischen den kapitalistischen Hauptmächten.
Krieg also als notwendige ultima ratio der Konkurrenz der Monopole um den Weltmarkt.
Für Lenin ist dies die Ausgangssituation zum 1. Weltkrieg.
In seiner bekannten Broschüre faßt er die bis dahin vorhandenen Untersuchungen zusammen, systematisiert sie und spitzt sie im ökonomischen Begründungszusammenhang zu. Vor allem aber führt er sie zu den strategischen Konsequenzen, die für Rußland und dann auch für weitere 70 Jahre für die ganze Welt so weitreichende Konsequenzen gehabt haben.
Diese Konsequenzen für die Strategie der Arbeiterbewegung sind bekannt:
Revolutionäre Überwindung des MonopolKapitalismus in den Krisen seiner kriegerischen Auseinandersetzungen um imperiale Ziele.
Wegen der auch künftig ungleichen Akkumulationskraft der jeweiligen nationalen Monopolkapitale entsteht die Ausgangssituation für einen Weltkrieg immer wieder neu und ist insofern bei gegebenen kapitalistischen Verhältnissen als Tendenz unvermeidlich.

3.   Historisch-theoretische Gesamtcharakterisierung des "Imperialismus"

Lenins Theorie läßt sich in den grundlegenden Begriffen des Historischen Materialismus und der Analyse der Formation der bürgerlichen Gesellschaft in folgender Weise kennzeichnen:
·      Der ökonomisch-politische Zustand der einzelnen entwickelten kapitalistischen Gesellschaften seiner Zeit ist imperialistisch.
·      Die bürgerliche Gesellschaftsformation, zusammen aus diesen Ländern gebildet, hat damit als ganzes die Entwicklungsetappe des Imperialismus erreicht hat.
·      Diese Entwicklungsetappe ist die letzte oder höchste der kapitalistischen Formation.
·      Ökonomische Grundlage für den Zustand ist die Monopolisierung der Produktions- und Eigentumsverhältnisse mit der Herausbildung des Finanzkapitals und der Finanzoligarchie als Teil der Kapitalistenklasse.
·      Gesellschaftlich-politische Grundlage ist die Vereinheitlichung der ökonomischen und politischen Interessen der Finanzoligarchie im Rahmen der bestehenden Staaten, ihre Dominanz in der Bourgeoisie überhaupt und ihr bestimmender Einfluß auf die jeweiligen Regierungen.
Das spezifisch imperialistische stellte dabei die Eroberung von neuen geographischen Feldern für das Kapital der Monopole eines Landes dar, sei es für den Warenabsatz, den Rohstoffimport oder besonders für Investitionen, sei es als Finanzkapital, als industrielle Gründung oder als Beteiligung.
Primär richtete sich dieser Imperialismus gegen Länder und Staaten, die noch nicht kapitalistisch durchdrungen und industrialisiert waren, ökonomisch, politisch und je nach Gegenwehr auch militärisch.
Sekundär ökonomisch auch gegen andere entwickelte Länder.
Allerdings wurde dies für die Monopole des einen Landes, wenn nötig, auch militärisch gegen konkurrierende Versuche anderer Länder, durchgesetzt. Daraus entstand dann die ökonomisch motivierte militärische Konfrontation der kapitalistischen Hauptmächte Europas untereinander.
Notwendigkeit und Antrieb dieser politisch-militärischen Fortsetzung der monopolistischen Kapitalverwertung ist die Gewinnung und Wiederanlage von Monopolprofiten. Man könnte sagen, daß dies die Fortsetzung der kapitalistischen Konkurrenz der Monopole mit militärischen Mitteln war.
Als Analyse und Bestimmung der Ursachen des 1. Weltkrieges, war diese Theorie wohl treffend. Wir können nachträglich sicher hinzufügen, daß auch der zweite Weltkrieg dem gleichen Grundmuster gefolgt ist. Die Veränderung gegenüber dem ersten bestand darin, daß Deutschland, Japan und Italien als faschistische Mächte operierten und in der welthistorischen Neuerung der Existenz der Sowjetunion als erster sozialistischer Staatsmacht und Ökonomie.
Insofern, als die imperialistischen Aktivitäten der Staaten theoretisch aus dem Stand der Produktionsweise (spezifische Kombinantion von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen) abgeleitet werden und so konstitutiver Bestandteil des Begriffs (der Charakterisierung der Gesellschaften als) imperialistisch werden, haben wir es theoretisch nicht nur mit der Bestimmung der Produktionsweise einzelner kapitalistischer Gesellschaften zu tun, sondern darüber hinaus mit der Bestimmung des spezifischen Charakters der Formation, die ja aus der Summe und dem Zusammenhang aller dieser Gesellschaften besteht.
Es handelt sich also bei Lenins Imperialismustheorie um die Bestimmung des Entwicklungsstadiums der gesamten bürgerlichen Gesellschaftsformation seiner Zeit.
Wenn Lenin aus dem gewaltsamen Ausbruch der zugespitzten Widersprüche im 1. Weltkrieg die Epoche schließt, daß es sich um sterbenden oder Übergangskapitalismus, nämlich zum Sozialismus übergehend, handele, zeigt sich der gleiche theoretische Status der Bestimmung eines imperialistischen Stadiums des Kapitalismus als Ganzem - eben um eine spezifische historische Charakterisierung der Formation der bürgerlichen Gesellschaft unter Berücksichtigung der vor sich gehenden Entwicklungen und der damals absehbaren Tendenzen dieser Entwicklung.
Die praktische Relevanz der Leninschen Imperialismustheorie für die revolutionäre Strategie und Entwicklung in Rußland 1917 liegt auf der Hand. Ebenso ist ihre Bedeutung für die Entwicklung der anti- imperialistischen Bewegungen und den Prozeß der Entkolonialisierung zwischen 1917 bis in die 70er Jahre des 20. Jahrhunderts bedeutend und kaum bestritten.
Und trotzdem – ich habe nur auf einige offene Fragen im Zusammenhang mit neueren Entwicklungen im Imperialismus verweisen können – stellt sich heute die Frage, wo und in welcher Weise zur Erfassung der neueren Entwicklungen spätestens seit dem Ende des 2. Weltkrieges, besonders aber seit 1974 über Lenins Analyse hinausgegangen werden muß.





Literatur:
Die Auswahl soll nur eine erste Orientierung geben: Die gesamte Literatur zur Globalisierung und zum Imperialismus ist unübersehbar.

I. Imperialismus:
-        W. I. Lenin: Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus. Lenin-Werke. Bd 22. S. 189-356. Dietz, Berlin., 1967 ff - auch als Broschüre: Dietz., Berlin., 1966. Text. S. 15-137
-        Kapitalismus und Monopolkapitalismus (Imperialismus). Zusammengestellt von  Horst Heiniger. In: Marxistische Lesehefte 4. GNN Verlag Sachsen/Berlin GmbH. Berlin 1999. S. 3- 40
(hier findet man auch die allerwichtigsten Zitate von Marx über den allgemeinen Gang der kapitalistischen Entwicklung bis zur Aktiengesellschaft !)
-        Aufsätze zum Imperialismus heute - In: Marxistische Blätter 3/ 92
-        Aufsätze zu Lenin und Leninismus - In: Marxistische Blätter 3/ 96
-        Großmacht- und Kriegspolitik heute. 80 Jahre nach Lenins Imperialismuskritik. In:  Schriftenreihe der Marx-Engels-Stiftung. Nr. 27. Pahl-Rugenstein Nachfolger. Bonn 1997
-        Willi Gerns: Heutiger Imperialismus und anti-monopolistische Strategie. In: Marxistische Blätter 3/ 99. S. 43-48
-        Eric Hobsbawm: Das imperiale Zeitalter, 1875-1914. Campus. Frankfurt 1989
(neuerdings auch als dtv-Taschenbuch ! -
dort besonders Kapitel 2: eine Wirtschaft schaltet um; und Kapitel 3: Das imperiale Zeitalter. Seiten 51 bis 112)
-        Eric Hobsbawm: Das Zeitalter der Extreme. Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts. Hanser. München 1994 (bzw. als Taschenbuch erschienen: dtv. München. 1998)

Weitere Literatur:
-        G. Krause: Stichwort „Imperialismus„. In: Enzyklopädie zu Philosophie und Wissenschaft. Hrsg H.J. Sandkühler. Bd. 2. S. 641- 650.. Verlag Meiner. Hamburg 1990
-        Frank Deppe: Politisches Denken im 20. Jahrhundert. VSA.. Hamburg 199 (Kapitel eins und zwei; Seiten 11-142; sowie sechs über Lenin, Seiten 255-322)
-        dtv-Atlas zur Geschichte. Bd. 2. dtv. München 1974 ff (dort Seiten 98-133, Zeitalter des Imperialismus)
-        Geschichte im Überblick. Daten und Zusammenhänge der Weltgeschichte. Immanuel Geiss. Rowohlt TB. Reinbeck bei Hamburg. 1986 (dort die Seiten 350-361; 381- 391, Zeitalter des Imperialismus)
-        Hansgeorg Conert: Vom Handelskapital zur Globalisierung. Entwicklung und Kritik der kapitalistischen Ökonomie. Verlag westf Dampfboot. Münster 1998 (Kapitel 6.4: Konzentration und Zentralisation des Kapitals, Kapitalvereinigungen und Finanzkapital und 6.5: Der Expansionsdrang des Kapitals: Europäischer Imperialismus 18780-1914. Seiten 186-202

II. Globalisierung
-        F. Schmid: Globalisierung und Multis. In: ISW-Report Nr 34. München. 1998
-        F. Garnreiter, L.Meyer, F.Schmid: Weltwirtschaftskrise. In: ISW-Report 37/ 38. München. 1998



Reader zum Bildungsthema 2:

„Imperialismus heute – Neue Entwicklungen und Tendenzen„

 

Grundvoraussetzung für das Wirken einer kommunistischen Partei wie der DKP ist die Analyse der konkreten gesellschaftlichen Bedingungen. Der Imperialismus in seiner gegenwärtigen Entwicklung ist zu untersuchen, Tendenzen sind zu erkennen und daraus sind Folgerungen für das eigene Handeln, für die Aktionseinheits- und Bündnispolitik abzuleiten.
Dabei stellt sich die Frage, ob wir in diesem Zusammenhang mit den durch Marx, Engels, Lenin und anderen marxistischen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in der Vergangenheit erarbeiteten theoretischen Grundlagen bereits über ein ausreichendes methodisches wie begriffliches Instrumentarium verfügen, um das Wesen des Imperialismus heute und seine mögliche künftige Entwicklung hinlänglich erfassen zu können.
Um dies festzustellen, muß man sich dieses grundlegenden Fundaments versichern, um auf dieser Basis die Frage nach möglicherweise neuen Erscheinungen in der Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaft am Ende des 20. Jahrhunderts zu stellen, die uns – theoretisch hinsichtlich der Weiterentwicklung der Imperialismustheorie ebenso wie im praktischen Handeln - herausfordern.

Ausgangspunkt des Bildungsthemas sollte deshalb die Diskussion grundlegender marxistischer Erkenntnisse, vor allem der Leninschen Imperialismustheorie sein. Wir schlagen weiter vor, auf dieser theoretischen Basis die Frage zu diskutieren, ob es eine neue Qualität in der Entwicklung des Imperialismus in unserer Zeit gibt. Deutlich wird dabei unseres Erachtens u.a., welche tiefgreifenden Veränderungsprozesse im Gefolge der Revolutionierung der Produktivkräfte (wissenschaftlich-technische Revolution) in Basis und Überbau der kapitalistischen Gesellschaft vor sich gehen: in der Produktion, in Transport, Verteilung, Kommunikation, im alltäglichen Leben der Menschen usw. Deutlich wird aber auch, daß die vor sich gehenden Veränderungen sich darauf natürlich nicht reduzieren lassen.

Wir schlagen vor, folgende Fragen im Zusammenhang mit dem Bildungsthema „Imperialismus heute – Neue Entwicklungen und Tendenzen„ zu diskutieren:


·        Unter welchen historischen Bedingungen der Entwicklung des Kapitalismus erfolgte die Leninsche Imperialismusanalyse?

·        Wie charakterisierte Lenin den sich am Anfang des 20. Jahrhunderts herausbildenden Imperialismus? Durch welche wesentlichen Widersprüche war dieses Entwicklungsstadium des Kapitalismus gekennzeichnet?

·        Gibt es eine neue Qualität in der Entwicklung des Imperialismus in unserer Zeit? Durch welche Bedingungen, Strukturen und Prozesse ist diese neue Qualität bestimmt?

·        Welche Folgerungen ergeben sich daraus für das praktische Handeln von Kommunisten?


Einige Argumente und Denkanstöße soll der folgende Beitrag liefern. Darüber hinaus könnten wir uns vorstellen und halten das für wünschenswert, daß dieser Beitrag auch zu einer Diskussion in der UZ führt.

Nina Hager/ Jörg Miehe


Im Folgenden wird der erweiterte Beitrag von Jörg Miehe zum Bildungsthema (siehe UZ-Veröffentlichung) sowie entsprechende Literaturhinweise abgedruckt. Zum Reader gehören gleichfalls Texte aus anderen Veröffentlichungen. Wir fügen eine Handreichung zum Bildungsthema bei, die durch Genossen aus Baden-Württemberg erarbeitet wurde.



Globalisierung und Imperialismus

I Neue Erscheinungen

in der Entwicklung der kapitalistischen Gesellschaftsformation

 

1.   technisierte Lebensweise, Arbeitslosigkeit und unsichere Perspektiven

2.   Begleiterscheinungen, Hintergründe und Ursachen


II  Neues im Alten – oder eine neue Phase?

1.   Vielfalt der Kennzeichnungen, Unklarheit über Sache und Begriff

2.   Periodisierung der kapitalistischen Entwicklung im Marxismus

3.   Kriterien der Formierung kapitalistischer Entwicklungsphasen

·      historisches Verhältnis von Kapital zu Staat und Politik: Imperialismus und Stamokap
·      Transnationalisierung der Produktion und Nationalstaaten
·     Agressivität des heutigen Imperialismus

 

III  Zur Weltgeschichte des Industriekapitalismus:

Perioden der kapitalistischen Industrialisierung, 

der Entwicklung des Kapitals und seiner Formation

Dieser produktivkraftorientierte Teil der Geschichte des Industriekapitalismus kann auch im Reader aus Platzgründen nicht abgedruckt werden. Stattdessen wird der Aspekt der ökonomisch-politisch-militärischen Expansion dieser Geschichte, also Imperialismus im allgemeineren Verständnis, ausführlicher als Abschnitt IV. im Reader aufgeführt.
(Der produktivkraftorientierte Teil kann per E-Mail bei J.Miehe bezogen werden: Joerg-Miehe@t-online.de ).
IV  Zur Geschichte des Imperialismus in der kapitalistischen Entwicklung

1.   Kolonialismus und alter Imperialismus im Übergang zur Industrialisierung

2.   Weltpolitik: Neuer Imperialismus

3.   Die Auseinandersetzungen in und um Europa und Vorderasien

4.   Die Rolle Deutschlands

5.   Die weitere Entwicklung im und nach dem 1. Weltkrieg

6.   Weltwirtschaftskrise

7.   2. Weltkrieg

8.   Nach dem 2. Weltkrieg 1945

 

V  Lenin und der klassische Imperialismus

1.   Lenin und der klassische Imperialismus

·      Weltökonomie

·      Monopole und die Weltwirtschaft

2.   Lenins Folgerungen

3.   Historisch-theoretische Gesamtcharakterisierung des "Imperialismus"
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Literatur:
I. Imperialismus:
II. Globalisierung


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