Sonntag, 12. Oktober 2014

Plan und Wirklichkeit in der DDR

Ökonomische Betrachtungen zum Untergang des Sozialismus in der DDR

J.Miehe
1999
Wie war das mit der Ökonomie des Sozialismus in der DDR? Am Anfang des Jahres erschien ein Buch mit dem Titel
<Plan und Wirklichkeit - zur DDR-Ökonomie>;
von Siegfried Wenzel. Es ist dieser Frage gewidmet und gibt anhand der Darstellung Anlaß bisherige Ansichten neu zu resumieren.
Wenzel gibt in seinem kurzen und nüchternen Buch, er nennt es im Untertitel <Dokumentation und Erinnerung>, einen problembezogenen Überblick zur ökonomischen Geschichte der SBZ/DDR. Dabei konzentriert er sich auf die Versuche zunächst der sowjetischen Besatzungsmacht und zunehmend der SED-Führungen mit zentraler Leitung und Planung ihre jeweiligen ökonomischen Interessen und Vorstellungen angesichts der objektiven Ausgangsverhältnisse und ihrer Veränderungen ins Werk zu setzen. Wenige sind dafür so kompetent, wie der Autor, der jahrzehntelang an hervorragender Stelle im operativen Apparat der staatlichen Plankommission der DDR tätig war. Es handelt sich also bei dem Buch durchaus um Ansichten aus dem "Inneren" der Planwirtschaft.
Über die Intention seines Buches sagt der Autor im Vorwort:
".... Viele von ihnen waren "Überzeugungstäter". Sie gingen aus von der Vision einer solidarischen Menschengemeinschaft, deren Entwicklung von Frieden, Rationalität und sozialer Ausgeglichen bestimmt wird,.... Dieses Bemühen in der praktizierten realsozialistischen Form ist im Irrtum gelandet. Die DDR ist untergegangen. Die Mehrheit des Volkes hat sich von ihr abgewandt. War es deshalb ein "umsonst gelebtes Leben",...? Es kann mit der Formel "gewagt und verloren" beschrieben werden; aber nach dem verloren kommt noch etwas, nämlich die Gewinnung von Erkenntnissen und Erfahrungen."(S.III)
Sein Buch ist ein wichtiger Beitrag dazu.

Die historischen Bedingungen

Was dem Sympathisanten des Sozialismus in der Ex-DDR seit langem bekannt gewesen ist, wird hier nochmal belegt. Die materiellen Entwicklungsvoraussetzungen für eine eigenständige ökonomische Entwicklung waren in Ostdeutschland bis 1949 und noch länger danach nicht gegeben und konnten während der Lebensgeschichte der DDR nur ganz unvollkommen nachgeholt werden. Die Schwierigkeit eines zusammenfassenden Urteils in dieser Frage liegt u.a. darin, daß ein Teil dieser materiellen Bedingungen Ergebnisse von politischen Entscheidungen und Entwicklungen waren, die einerseits mit der Auflösung des Anti-Hitler-Koalition und des Übergangs in den Kalten Krieg zu tun hatten und die andererseits mit der inneren Entwicklung der SU nach dem verlustreichen Krieg und dem militärischen Sieg über den deutschen Faschismus verbunden waren.
So verschärften die weiteren inneren politischen Entwicklungen in den USA und der SU und dem weltpolitischen Verhältnis zueinander die missliche Ausgangslage für die SBZ und künftige DDR. Die Stalinführung konnte sich bis 1952 offensichtlich nicht entschließen, die SBZ/DDR zu einem ökonomisch integrierten Teil des entstehenden Ostblocks zu machen. Die massiven Demontagen und später die Entnahmen aus der Produktion machten eine nachholende Industrialisierung zum Ausgleich der Disproportionen, gar eine beschleunigte Entwicklung nur unter erheblichem Konsumverzicht möglich. Auf der anderen Seite haben sich die westlichen Besatzungsmächte, unter Führung der USA, relativ früh entschlossen, die Westzonen zu einem politischen, ökonomischen und militärischen Glacis gegen die SU auszubauen. Die daraus folgenden Maßnahmen, Verweigerung von Reparationen für die SU aus den Westzonen, Verweigerung einer integrierten ökonomischen Entwicklung aller Zonen, zunehmende Kappung des für die SBZ und DDR lebenswichtigen Interzonenhandels, Einführung des Marshallplanes, ökonomische Verselbständigung der Westzonen zur Trizone mit einer eigenständigen Währung 1948, waren eine ökonomische Kriegserklärung gegen die SU als Besatzungsmacht. Damit sollte offenbar auch ein der SU unterstellter Versuch unmittelbar und langfristig Sozialismus in der SBZ einzuführen unterbunden oder zumindest behindert werden.
Erst im Rahmen der sich ändernden äußeren Umstände und auf dem Hintergrund der sich entwickelnden Strukturen in der DDR läßt sich die jeweilige ökonomische Politik der verschiedenen SED-Führungen einordnen und kritisieren. Eine vernünftige Politik sozialistischen Aufbaus schien in diesem Feld innerer und äußerer Bedingungen fast unmöglich zu sein. Darüber hinaus haben dann die politischen Führungen durch ihre Planentscheidungen den Untergang der DDR aber auch selbst mit organisiert.
Pläne und Krisen: 1951 - 1961
Der erste Fünfjahrplan von 1951 bis 1955 ging nach Wenzel vorrangig auf die Intentionen der SED-Führung zurück, wenn auch zumindest entscheidende Teile der Sowjetischen Militär-Administration (SMAD) dies vor Ort gebilligt oder gefördert haben müssen. Nach Wenzel war es das Ziel des Planprojektes, daß für die Milderung der Disproportionen der Wirtschaftsstruktur eine eigene metallurgische Basis und eine entsprechende Energieproduktion sowie eine eigene Handelsflotte geschaffen und dafür der Schwermaschinenbau als Grundlage aufgebaut werden sollten. Die Industrieproduktion sollte bis 1955 verdoppelt werden. Durch den kalten Krieg und die Währungsreform im Westen schrumpfte der Handel mit den Westzonen/BRD ständig. Das hatte verheerende Auswirkungen auf die Versorgung der Wirtschaft und der Bevölkerung in der SBZ/DDR, besonders mit Rohstoffen, Halbfabrikaten, Zulieferungen und Lebensmitteln.
Die Ziele des Planes bedeuteten eine beträchtliche Erhöhung der Akkumulation insbesondere in der Schwerindustrie, die sich erst sehr langsam amortisieren würden. Die Folge war ein sehr niedriges Wachstum der Leicht- u Konsumgüterindustrie. Das Konzept war also mit Stagnation und sogar Verschlechterung des ohnehin unzureichenden Lebensniveaus der Bevölkerung verbunden.
Wenzel urteilt, das Konzept des 5-Jahrplanes habe seine Logik gehabt, jedoch hätten angesichts der gegebenen Zweigstruktur und der sowjetischen Reparationspolitik wichtige materielle Voraussetzungen dafür gefehlt, es seien Wunschziele gewesen. Anstatt die Situation nüchtern einzuschätzen und daraus entsprechende Schlußfolgerungen zu ziehen, hätte die SED Beschlüsse gefaßt, um diese Schwierigkeiten durch schnelleres Wachstum zu überwinden. Es hätte sich um den ersten Versuch einer Flucht nach vorn gehandelt, womit sich Subjektivismus und Voluntarismus in der Wirtschaftspolitik zum ersten Mal durchgesetzt hätten. (S.25-27)
Der 2. Parteikonferenz wurde dann nochmal eine Verschärfung dieses Kurses unter dem Stichwort der "Schaffung der Grundlagen des Aufbaus des Sozialismus" vorgeschlagen. Wenzel kennzeichnet dies als doktrinäre Verschärfung des ohnehin illusionären Kurses.
Schon Ende 52 zeigten sich dramatische Krisenerscheinungen. Die SED Führung bat um Hilfe aus der SU, sie wurde aber noch nicht gewährt. Daraufhin versuchte sie mit Sparpolitik, unter anderem Preiserhöhungen und Normenverschärfungen, die Sache in den Griff zu bekommen. Ulbricht geriet im Politbüro in die Defensive. Nachdem Stalin im März 1953 gestorben war, forderte die neue SU-Führung ultimativ eine Änderung der Wirtschaftspolitik, die dann unter dem Stichwort "Neuer Kurs" von der SED-Führung angekündigt wurde. Dabei nahm sie, gleichgerichtet mit den Vorgaben der SU-Führung, die Normenerhöhungen für die Arbeiter von der Rücknahme der vorherigen Sparmaßnahmen aus. Das verschärfte innerhalb der Arbeiterschaft die Mißstimmung zur teilweisen Opposition, die Proteste und Streiks entwickelten sich zur massenhaften Forderungen nach Änderung der Politik, der Führung und teilweise des Regimes auf der Straße. Der ökonomische und politische Rückzug kam zu spät und an der wichtigsten sozialen Stelle überhaupt nicht. Der weitere Ablauf ist bekannt.
Mit dem "Neuen Kurs" wurden die ad-hoc Maßnahmen zurückgenommen sowie die Planziele und entsprechend die Investitionspolitik geändert. Auch die SU änderte ihre ökonomische Strategie gegenüber der DDR. Sie beendete die Reparationspolitik, verringerte die Besatzungskosten, weitete die Lieferungen aus und gewährte einen erheblichen Kredit.
Dieser Vorgang ist hier so ausführlich geschildert worden, weil sich dieses Muster nach Wenzels Darstellung und Urteil in der Ulbrichtära mehrfach wiederholt. Planansätze, die gerade noch realistisch oder selbst schon illusionär sind, werden aufgrund von jeweils besonderen, teils günstigen Umständen in einem politischen Willkürakt quantitativ oder qualitativ drastisch erhöht oder erweitert. Dies führt zu Krisen in der Produktion, der Versorgung der Bevölkerung und zu politischer Instabilität, die nur mit heiklen und meist unproduktiven Maßnahmen eingedämmt werden können.
Nachdem der geänderte Plan bis 1955 relativ erfolgreich beendet wurde, wird der Plan 1956 bis 1960 wiederum relativ hoch angesetzt, um die weiter bestehenden Disproportionen der Zweigstruktur zu vermindern. Auch aufgrund des Aufstands in Ungarn kann der Plan schon 1956 nicht erfüllt werden. Es gibt mehrere kurzfristige Plankorrekturen. Die SU greift 1957 wiederum mit erheblichen zusätzlichen Lieferungen ein. Die Lage kann sich stabilisieren, aber die SED Führung beschließt dann im Gleichtakt mit der SU einen neuen 7 Jahrplan von 1959-1965. Darin kündigt sie an, den pro Kopf Verbrauch an Konsumgütern der BRD bis 1960 zu erreichen. Dies auf der Grundlage der immer noch unzureichenden Wirtschaftstruktur, der mangelnden Produktivität und der offenen Grenze. Zudem wird die Kollektivierung der Landwirtschaft durchgesetzt. Die Krise läßt nicht auf sich warten und kann nur mit dem Mauerbau unter Kontrolle gebracht werden.
Wenzel merkt dazu an: Es habe zu den Mängeln des Systems gehört, daß die Sicherung der Rohstoffbasis ab 1957/58 durch die Lieferungen der SU zum Ausgangspunkt einer weitreichenden Fehlentscheidung von Ulbricht und der SED-Führung geworden sei. (S. 37)
Die Lage stabilisiert sich erstaunlich schnell schon 1961 und verbessert sich dann ab 1962 auch aufgrund einer erneuten Ausweitung des Warenaustausches mit der SU, einer Vertiefung der Kooperation und einem erneuten erheblichen Kredit.

Internationale Arbeitsteilung und Technologie

Allerdings konnten die alten Verflechtungen Mitteldeutschlands mit dem Westen und die entsprechende Abhängigkeit der DDR nicht durch eine gleichwertige Verflechtung mit der SU und dem RGW ersetzt werden. Für die Ökonomie der BRD wurde die intensive Integration in den zunehmend arbeitsteiligen westlichen Weltmarkt zu einem starken Wachstumsmotor. Nach der Währungsreform konnte eine ähnliche selbständige Integration der DDR in den kapitalistischen Weltmarkt nicht hergestellt werden. Dieser Mangel entwickelte sich zu einem stetig größer werdenden Nachteil gegenüber der BRD. Die Integration in den östlichen Wirtschaftsraum der SU und des RGW konnte dies nicht ersetzen, da der zunehmende Bedarf der DDR-Ökonomie an technologisch hochwertigen Zulieferungen weder aus der SU noch aus dem RGW gedeckt werden konnte. Dabei kann man die Probleme der mangelnden Integration und Arbeitsteilung wegen der Form der Planung erst einmal außer Acht lassen.
Das Fehlen des Zugangs zur Mikroelektronik des kapitalistischen Weltmarktes, verschärft durch das Nato-Embargo der sog. CoCom-Liste, war letztlich einer der größeren Sargnägel für die RGW-Länder und speziell der DDR. Die prinzipielle Möglichkeit der SU, ihren enormen Binnenmarkt und ihre erheblichen Forschungskapazitäten für eine entsprechende technologische Entwicklung und Ausrüstung des RGW zu nutzen, wurde nicht einmal für die Industrie der SU umgesetzt. Die entsprechenden Produktionen für den Militärsektor der SU wurden dort eingesperrt und blieben für die Zivilproduktion unzugänglich. Eine Politik, die rein gar nichts mit der Eigentums-Verfassung oder ökonomischen Planungs- und Lenkungsproblemen des Sozialismus zu tun hatte, wie man an der zivilen kapitalistischen Nutzung der Militärforschung der USA in der dortigen Industrie sehen konnte und kann. Dies bleibt ein ökonomisch unverständlicher und unverzeihlicher strategischer Fehler der KPdSU in der Auseinandersetzung der Systeme, der erheblich mit zum Untergang des europäischen Sozialismus beigetragen hat. Der verzweifelte Versuch der DDR mit westkreditfinanzierten Investitionen nach 1985 eine eigene Produktion mikroelektronischer Bauelemente in Gang zu setzen konnte das nicht aufhalten, sondern beschleunigte eher noch den Prozeß.
Die Arbeitsteilung mit der SU verblieb auf dem Niveau des Austausches von Rohstoffen gegen Industriegüter, wobei die DDR wegen der Spezialisierung als dauerhafter Monopollieferant für manche Ausrüstungen durchaus Vorteile wegen der großen Serien erlangen konnte.

Das "Neue Ökonomische System"

1963 beschließt die SED das sog "Neue Ökonomischern System der Planung und Leitung"(NÖS). Die bisher vorrangig materielle und mengenmäßige Planung und die Leitung durch Auflagen, soll durch wertmäßige Planung und durch rentabilitätsgesteuerte Leitung ersetzt werden. Wenzel hält diese Reform für dringend erforderlich. Sie hätte die Anerkennung der Warenproduktion und die Geltung der Wertzusammenhänge im Sozialismus bedeutet. Allerdings wurde das Grundkonzept mit inkonsequenten Richtlinien beschlossen. Unter anderem wurde die auf allen Ebenen erforderliche Preisreform nicht konsequent durchgeführt, sodaß das NÖS nicht voll wirksam werden konnte. Wenzel macht noch weitere grundlegende Fragezeichen, die hier nicht ausgeführt werden können.
Der Plan bis 1965 wird offenbar relativ passabel abgeschlossen und der nächste von 1966-1970 auf realistischer Grundlage entwickelt. Der wesentliche Entwicklungsweg soll die Intensivierung aufgrund der Verwissenschaftlichung der Produktion werden.
Auf dem Parteitag von April 67 wird der schon laufende Plan mit neuen Projekten befrachtet. Jetzt sollten sog "führende Zweige" besonders beschleunigt ausgebaut werden, was natürlich nur durch administrative Zuweisung von Investitionsmitteln, die anderswo entzogen werden mußten, gelingen konnte. Sie sollten als "Lokomotiven der wiss.-techn Revolution" die Automation voranpeitschen und wiederum durch schnelles Wachstum die entstandenen Disproportionen nachträglich beseitigen. " Es triumphierte erneut Wunschdenken, ..." (S.46) "Die Kluft zwischen Anspruch und Realität wurde zu einer Hauptursache von ungenügender Effektivität und wirtschaftlichen Verlusten in volkswirtschaftlicher Größenordnung."(S.47)
Damit war das NÖS praktisch ausgehebelt, was dann in den nächsten Jahren Schritt für Schritt auch institutionell nachgeholt wird. Die Folge war wiederum eine krisenhafte Entwicklung der Produktion, der Produktivität und der Versorgung durch die entstandenen Disproportionen mit vielen Investitionsruinen und zunehmender Unruhe der Arbeiterschaft.
Dies führte dann, wie bekannt, zur Ablösung Ulbrichts als Generalsekretär durch die Mehrheit des Politbüros mit Einverständnis, wenn nicht Unterstützung der SU-Führung.

Rückkehr zur Solidität? - Sozialpolitik überfordert die Ökonomie

Die Honeckerführung wollte offenbar all die alten Fehler vermeiden. Sie kehrt konservativ zum alten Planungs- und Leitungssystem zurück und nimmt Abschied von den Versuchen, durch vorrangige und beschleunigte Akkumulation die Ökonomie der DDR zu entwickeln, zu modernisieren und gegenüber der BRD und für den Weltmarkt wettbewerbsfähig zu machen. Jetzt sollen jeweilige Produktions- und Produktivitätsfortschritte gleichmäßig und planmäßig auch in Verbesserungen der Lebensverhältnisse umgesetzt werden, "Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik". Offenbar wird daraus auch eine verstärkte Motivation für effektive Arbeit erhofft. Als gemäßigtes Ziel wird langfristig ein Wachstum des Nationalproduktes von 4% angesetzt. Die Verbesserung der Lebensverhältnisse wird u.a. stark mit einer Ausweitung der direkt staatlich finanzierten Güter und Leistungen umgesetzt, der sog zweiten Lohntüte. Größtes und deutlichstes Beispiel war das Wohnungsbauprogramm, das die neuen Wohnungen zu weiterhin spottbilligen hoch subventionierten Mieten vergab. Nach Wenzel konterkarierte dies auf Dauer die Ausrichtung der Ökonomie auf Effektivität und das Leistungsprinzip.
Die notwendigen und wichtigen sozialpolitischen Maßnahmen konnten auf Dauer nicht und immer weniger aus dem eigenen Nationaleinkommen erbracht werden. Es war eine Politik auf Pump. Einerseits durch Zurückfahren der Akkumulationsrate in der Industrie, später sogar in großem Ausmaß durch Aufschiebung der Ersatzinvestitionen in Ausrüstung, Bauten und Infrastruktur - verheerend für die Entwicklung der Effektivität und später auch für die Lebensqualität selbst. Sie wurde zunehmend auch durch Verschuldung im westlichen Ausland finanziert, mit langfristig dramatischen Folgen bei Zinszahlungen, Tilgungen und internationaler Zahlungsfähigkeit.

Das Öl als Devisen- und Schuldenquelle

Die Öllieferungen der SU spielen dabei, in Abhängigkeit von den Weltmarktverhältnissen und den inneren Schwierigkeiten der SU selber, ein besondere Rolle. Mit dem ersten dramatischen Anstieg der Rohölpreise auf dem Weltmarkt bis 1974 kam die SU unverhofft in die komfortable Lage, mit dem Export von Öl Devisen auf dem kapitalistischen Weltmarkt eintauschen zu können. 1975 setzte sie, in der zunächst richtigen Erwartung weiterer Steigerungen der Rohstoffpreise auf dem Weltmarkt, eine neue Preisregelung mit den RGW-Partnern durch: Grundsätzliche Orientierung am Weltmarkt, Preise aufgrund des Durchschnitts der letzten fünf Jahre. Das bedeutete eine erhebliche Verteuerung für die DDR, entsprechend erheblich höhere Lieferverpflichtungen, war aber bis zum Einbruch der Rohlölpreise auf dem Weltmarkt 1986 immer noch günstiger als dort. Ende 1976 verweigerte Kossygin für die Regierung der SU eine Erhöhung der Rohöllieferungen um 2 Mill Tonnen an die DDR, die mit dem erhöhten einfachen Reexport ins westliche Ausland ihre sich zuspitzende Zahlungsbilanzsituation gegenüber dem Kapitalismus lindern wollte.
1979/80 verdoppelte die Opec die gestiegenen Rohölpreise und die SU setzte die langfristig zugesagte Lieferung von 20 Mill Tonnen auf 17,5 Mill Tonnen herab, um eigene Zahlungsbilanzprobleme zu lösen. Inzwischen waren Ölverarbeitungskapazitäten aus Japan in die DDR importiert worden, die mit dem späteren Export der Produkte hätten bezahlt werden sollen. Da sie nicht ausgelastet werden konnten und die Devisenschulden sich erhöht hatten ohne plangemäß getilgt werden zu können, verschärfte die vermehrte Zinszahlung die Lage. Als Reaktion baute die DDR die Verarbeitungskapazitäten für eine tiefere Ausnutzung des Rohöls aus, wiederum mit Technologieimporten aus dem westlichen Ausland, um aus der verbliebenen Importmenge aus der SU mehr westexportfähiges Produkt zu erschließen. Parallel dazu wurde die Energieversorgung der DDR wieder zurück auf die Verwendung der Braunkohle umgestellt, ebenfalls mit ganz erheblichen Investitionen und mit drastischer Einbuße an Effektivität und verheerenden ökologischen Wirkungen.
Letzte Station dieses komplexen Zusammenwirkens von sozialistischer Ökonomie der SU, Wirtschaftsstruktur der DDR und kapitalistischer Weltmarktentwicklung bei Öl durch die partielle Rückbildung des Neokolonialismus war der drastische Rückgang der Rohölpreise am Weltmarkt ab 1986. Die SU konnte nur noch erheblich weniger Westdevisen erwirtschaften, ihre ökonomische Krise spitzte sich zu, wie die hilflosen Reformversuche der Gorbatschow-Führung zeigten. Die DDR-Strategie einer tieferen Verarbeitung des Öles und seines Weiterexportes und sowie der dafür aufgewandten massiven Investitionen aus dem westlichen Ausland liefen nun ins Leere. Die vorher erlangten Devisenzuflüsse reduzierten sich drastisch, die DDR mußte weiter die nun gegenüber dem Weltmarkt höher liegenden Preise an die SU zahlen und sie hatte die Schulden mit den laufenden Zinsverpflichtungen in Westdevisen zu bedienen, sowie eine teuer erkaufte Energieproduktion auf Braunkohlebasis, die sich nun nicht wieder einfach auf billiges Importöl umstellen ließ.
Leider ist die Geschichte des Scheiterns der "Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik" lang, nämlich an die 20 Jahre mit 4 Fünfjahrplänen. Die Erklärung kann sich aber kurz fassen. Nach Wenzel blieb die Struktur der sich verschärfenden Probleme immer die gleiche: Es wurde mehr konsumiert als produziert wurde. Speziell Honecker verweigerte eine Änderung dieses Kurses bis zum bitteren Ende, das Politbüro setze ihn erst ab und eine Änderung durch, als es zu spät war, das ZK hatte keine eigene Kraft, die SU-Führung reagierte nicht entschieden, später wollte und konnte sie dies auch nicht mehr.

Das Besondere und das Allgemeine an der DDR

Es ist durchaus fraglich, ob die DDR in ihrer speziellen Lage je die Chance hatte einen stabilen ökonomischen Entwicklungspfad zu erreichen. Dabei kann man das Problem zentraler, direktiver, materieller Planung und Leitung einer entwickelten und sich differenzierenden Ökonomie zunächst außer Acht lassen. Es steht aber nach der Darstellung von Wenzel außer Frage, daß unter Ulbricht das vorwärtsgerichtete ökonomische Abenteurertum und unter Honecker der korrekturlose Konservatismus die gegebenen Probleme erheblich verschärft und auf diese Weise am Untergang der DDR mitgewirkt haben. So gesehen, scheint ökonomisch eine Zentralplanwirtschaft durchaus einigermaßen leistungsfähig und stabil sein zu können, wenn sie nur ordentlich geführt wird. Warum die kommunistischen Parteien zumindest dies nicht hinbekommen haben, auch die SED nicht, ist eine der wichtigsten Fragen an den gewesenen Sozialismus. Daß dies wohl auf Dauer gegen den Kapitalismus noch nicht ausgereicht hätte, muß man dann gesondert betrachten.
Hieraus ergibt sich das Bild einer administrativ doch leidlich effektiv geleiteten, jedoch politisch fehlgesteuerten Ökonomie, die ein unglaubliches Maß von Überlebensfähigkeit bewies. Anders gefragt: Wäre bei besseren objektiven Bedingungen und einer realistischen ökonomischen Politik Sozialismus auf mäßig entwickeltem Niveau möglich gewesen? Wenzel diskutiert dies implizit mit seiner Antwort auf die Frage, ob es in der DDR ein eigenständiges Wertsystem gegeben habe. Gab es eine eigenständige Lebensweise in der DDR, die mit anderen, materiell beschränkteren Mitteln und mit anderen Wertorientierungen der Menschen als im kapitalistischen Westen befriedigende Verhältnisse zustande gebracht hätte?
In diesen Zusammenhang gehört das andere Dilemma der Entwicklung der DDR und sicher auch der CSSR - die Nachbarschaft zur BRD als dem Glanz- und Ausstellungsstück des Kapitalismus nach 1950 in Europa. Die sog. soziale Marktwirtschaft wirkte als Aufhebung der vorherigen Alternative von tödlicher Krise des Kapitalismus ab 1929 und Sozialismus als der einzigen Überlebensmöglichkeit jenseits von Faschismus und Krieg. Die Lebensweise Westdeutschlands strahlte durch die Nachbarschaft, die Präsenz von Westberlin sowie das Fernsehen auf die DDR aus und setzte die dortige sozial-ökonomische Entwicklung unter einen Konkurrenzdruck, dem sie auch bei einer radikal besseren Politik wohl kaum hätte standhalten können. Der von Wenzel dargelegte Vergleich des Entwicklungsniveaus der DDR mit anderen kapitalistischen Ländern in Europa belegt dies schlagend. Allerdings scheinen sich die gleichen Mechanismen der Konkurrenz der Lebensweise aufgrund des unterschiedlichen Entwicklungsniveaus auch bei den anderen europäischen sozialistischen Ländern, CSSR, Ungarn und Polen jeweils auf verschiedene Weise durchgesetzt zu haben, bei der Bevölkerung oder bei den Führungsschichten, wie zuletzt in der SU.

Vom Machen des Sozialismus in der Ökonomie

Das Problem der Anpassung von Planung und Leitung einer sich entwickelnden und differenzierenden Ökonomie im Sozialismus stellte sich in der DDR schon ab Mitte der 50er Jahre und verschärfte sich zum Ende des Jahrzehnts. Wenn auch vorsichtig, verdeutlicht Wenzel, daß der Mechanismus der zentralen Planung und Leitung mit zunehmender Differenzierung ineffektiver, weil inadäquater wird. Dezentralisierung ist dann eine einfache, aber unzureichende Antwort auf das Problem. Selbständigkeit der Wirtschaftseinheiten mit relativ weitgehender Autonomie vieler Entscheidungen war die diskutierte und in der DDR mit dem NÖS praktisch versuchte Variante. Dieser sehr weitreichende Umbau der Produktionsverhältnisse wurde erstaunlicherweise unter dem Patronat von Ulbricht persönlich theoretisch entwickelt und praktisch vorangetrieben. Allerdings wurden zwei der dafür unumgänglichen weiteren Strukturmaßnahmen nicht getroffen, weil die Führung davor zurückschreckte. Das betraf zum einen eine tiefgreifende Preisreform, die die tatsächlichen Aufwendungen an gesellschaftlicher Arbeit, in lebendiger und vergegenständlichter Form, zum Ausdruck gebracht hätte. Für eine realistische Wirtschaftsrechnung von relativ autonomen Wirtschaftseinheiten ist das wohl unumgänglich, damit die tatsächlichen Wertverhältnisse in Preisen und Austausch zum Ausdruck gebracht werden. Das betraf zum anderen eine politische Reform, die eine weitgehende Einbeziehung der Bevölkerung in die Ausarbeitung des sozial-ökonomischen Kurses erfordert hätte. Mit anderen Worten also, einen Verzicht der Partei und ihrer Führung auf die Durchsetzung ihrer Vorstellungen auf direktiv-administrativem Wege.
Beides ist, wie wir wissen, weder in der DDR noch in der SU oder sonst im RGW erfolgt. Einer Veränderung der Mechanismen der gesellschaftlichen Hegemonie des Sozialismus in Politik und Ökonomie, kurz Demokratisierung, standen wohl die Traditionen der kommunistischen Linie der Arbeiterbewegung seit der Oktoberrevolution in der SU und in den anderen Ländern entgegen. Die darin enthaltene Entgegensetzung zur Sozialdemokratie in Europa, die unter dem Banner der Verteidigung der bürgerlichen Demokratie und Freiheiten gemeinsame Sache mit ihren nationalen Großbourgeoisien gemacht hatten und jetzt gegen den Sozialismus kämpften, hatte dieser Position eine nur schwer zu bezweifelnde Legitimation gegeben. Dazu kam die fast allen Teilen der Arbeiterbewegung gemeinsame autoritäre Tradition und Disziplin. Wenn beides zusammen möglicherweise auch der Hauptgrund war, so lieferte doch der strategische Kampf des Kapitalismus gegen den Sozialismus mit seinen überlegenen Kräften und höherem Entwicklungsniveau genügend Gründe für die Parteiführungen, um jede Lockerung der politischen Hegemonie abzulehnen.
Muß man nicht die völlige Unfähigkeit der Führungen der europäischen sozialistischen Länder, im Kern der SU, anstehende ökonomische Reformen wirklich in Angriff zu nehmen und durchzusetzen, mit dieser krampfhaften Aufrechterhaltung einer bestimmten Form der politischen Hegemonie nach außen und innerhalb der Partei in Verbindung bringen? Ist es anders zu erklären, daß fast alle sozialistischen Regime sich sehenden Auges in die gleichen Fallen der Verschuldung bei kapitalistischen Instanzen begeben hatten, um ihre inneren Entwicklungsprobleme aufzuschieben? Muß man nicht die fast durchgängig abenteuerlichen ökonomischen Strategien, entweder große Vorwärtssprünge oder langfristig nicht haltbare Entwicklungslinien, mit dieser tief sitzenden Fixierung auf die politisch direktive Führung der gesamten Gesellschaft durch die Partei und ihr jeweiliges persönliches Zentrum im Generalsekretär in Verbindung bringen?

Siegfried Wenzel:
Plan und Wirklichkeit - Zur DDR-Ökonomie
Dokumentation und Erinnerung
Skripta Mercaturea Verlag
St. Katarinen 1998

Die folgenden Zeilen stellen den Text von 13 Anmerkungen dar. Die zugehörigen Nrn und Stellen konnten leider nicht mit in den Blog-Text übertragen werden.

Was hier nicht geleistet werden kann und soll, ist eine kritische Zusammenfassung der bisherigen Untersuchungen und Diskussionen zum Thema. Diese fehlt bisher aus marxistischer Sicht und wird auch von Wenzel nicht vorgenommen. Er beschränkt sich auf wenige Literaturverweise zur Stützung seiner quantitativen Angaben. Auch in den MBl hat es seit 1990 zu den verschiedenen Aspekten schon Aufsätze und Auseinandersetzungen gegeben, die aber hier nicht umfassend erwähnt oder gar gewürdigt werden können. An geeigneter Stelle wird auf den einen oder anderen beispielhaft hingewiesen werden. Es fehlt also weiterhin eine Übersicht der bisherigen Publikationen und Forschungen zum Thema, bei dem die marxistischen Beiträge nur einen Teil ausmachen. Die frühere DDR-Forschung der BRD ist z.T. weiter erheblich aktiv gewesen und müßte kritisch zur Kenntnis genommen werden. Es geht dabei ja keineswegs nur um die Gewinnung eines zutreffenden Geschichtsbildes, sondern für die Marxisten besonders um die Bedeutung der DDR-Entwicklung für die Ausarbeitung von Sozialismuspositionen für die Zukunft.
"....Siegfried Wenzel (ist) der vielleicht beste Kenner der realen volkswirtschaftlichen Probleme, Zusammenhänge und Verflechtungen der DDR(..). Fast 30 Jahre stand er - formell oder "nur" faktisch - an der Spitze der Perspektivplanung und volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung in der Staatlichen Plankommission. In dieser Zeit gab es keinen Planansatz und Plan, ob Fünfjahrplan oder Jahresplan, an dem er nicht maßgeblich mitgewirkt, keine Beratung oder Auseinandersetzung zu Problemen des Planes in der Führung der SED oder im Ministerrat, an der er nicht teilgenommen hat.; " so schreibt Klaus Steinitz (verantwl f Ökonomie in der PDS-Führung) in seiner Rezension dieses Buches in SOZIALISMUS Nr 5/98, S. 53
Einen ganz anderen Einblick in das "Innere" der DDR-Ökonomie kann man in dem hochinteressanten umfangreichen Buch <Der Plan als Befehl und Fiktion; Wirtschaftsführung in der DDR, Gespräche und Analysen> gewinnen; Hrsg.: Theo Pirker, M. Rainer Lepsius, Reiner Weinert, Hans Hermann Hertle, (Westdeutscher Verlag, Opladen 1995). Abgedruckt sind ausführliche Interviews mit 11 verschiedenen Verantwortungsträgern in hohen ökonomischen Funktionen aus dem Politbüro, mit G. Mittag, H.Tisch dem ZK-Sekretariat mit Klaus Krömke, A. Schalck-Golodkowski, der Plankommission mit G Schürer, S.Wenzel, dem Ministerrat mit Wolfgang Rauchfuß, Günter Wyschowsky, den Kombinaten mit W.Biermann, Christa Bertag, der wissenschaftlichen Beratung mit Helmut Koziolek. Die Interviews wurden im Rahmen eines Forschungsprojektes am Zentralinstitut für sozialwissenschaftliche Forschung der Freien Universität Berlin(West) von den Herausgebern gemacht.
So der Titel eines Erinnerungsbuches von G.Schürer, Leiter der Staatlichen Plankommission seit Mitte der 60er Jahre; leider ist das Buch wegen einer angekündigten Neuauflage im Moment nicht zu kaufen
vgl.: Jörg Roesler: Demontagen und Deindustrialisierung, Teil I; (MBl 1993, Nr 3, S. 46); mit ähnlichem Tenor und ähnlichen Zahlen.
Vergl auch Wilfried Loth, Stalins ungeliebtes Kind, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1996
Zur Vorgeschichte des 17. Juni 1953, der Rolle der 2. Parteikonferenz und der SU-Führung vertritt Kurt Gossweiler in: Hintergründe des 17.Juni 1953, (MBl 1993, Nr.3, S.77ff) eine detailliert dargelegte andere Position.
Dietrich Staritz bezeichnet es in seiner <Geschichte der DDR> (Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1996, S. 190) als weiterhin offene Frage, ob die Ulbrichtführung die Krise 1960/61 bewußt zugespitzt habe, um im Warschauer Pakt die Zustimmung zu den Abgrenzungsmaßnahmen zu erlangen.
H.Wolf versucht in seiner Broschüre (s.u Anm 11, S. 28ff) die massiven Investitionsvorhaben ab etwa 1965/66, die, strukturpolitisch begründet ("Lokomotiven d wiss-techn.Revolution"), die materielle Kraft der DDR-Ökonomie überforderten und die Mechanismen des NÖS außer Kraft setzten, dem Übergang von G Mittag in die Reihen der Gegner des NÖS zuzuschreiben, der dieses Vorgehen an Ulbricht vorbei mit unterstützt und damit auch gegen Ulbricht intrigiert habe.
In Verbindung mit der besonders von Ulbricht geförderten Entwicklung und Einführung des NÖS gibt es unter politischen und wissenschaftlichen Beteiligten, wie auch unter Jüngeren, lebhafte Kontroversen, von denen einiges sich auch in den MBl widergespiegelt hat. So argumentiert Ulrich Huar mit dem Artikel <Was hat den Sozialismus zerstört?> (MBl 1993, Nr.3,.S.84ff) überzeugend gegen eine Position von S. Wagenknecht <Marxismus und Opportunismus> (teilw. abgedruckt in MBl 1993, Nr. 2, S.80ff), daß die Ablösung von Ulbricht, der Abbruch des NÖS, sowie der Übergang zu Honecker in der Durchsetzung des Opportunismus seinen Grund gehabt hätte, indem er u.a. auf die bedrohliche Krise Ende der 60er in der DDR verweist, die von Ulbricht mit zu verantworten gewesen wäre. So ja auch Wenzel.
W. Florath wendet sich mit der Intervention <Ulbricht gleich Honecker?>(MBl 1996, Nr.3, S. 85/6) heftig gegen G. Stiehler <Historisches und Aktuelles zur Demokratie>(MBl 1996, Nr. 2, S. 81ff) dem er eine falsche Gleichsetzung der Politik und des Leitungsstils von Ulbricht und Honecker vorhält und verweist auf die positive Rolle Ulbrichts beim NÖS. In dem Beitrag <Sozialismus und die Macht heute>(MBl 1997,Nr. 2, S. 112ff) wendet er sich gegen Vorstellungen von H. Wunderlich (MBl 1996, Nr.6) zu institutionellen Regelungen sozialistischer Demokratie, die ihm sehr an bürgerliche Verfassungen angelehnt scheinen und versucht die Entwicklung des NÖS unter Ulbricht in eine lange Reihe von zunehmenden institutionellen Mitbestimmungs- oder Partizipationsregelungen der Werktätigen in der DDR in ökonomischen und politischen Bereichen unterhalb der Ebene der Führungsmacht und der strategischen Entscheidungen zu stellen.
Die besondere Rolle G. Mittags, einflußreicher Wirtschaftspolitiker in der SED-Führung in den 60ern und wieder ab Ende der 70er bis zum Ende der DDR als Mitglied des Politbüros und Sekretär des ZK für Wirtschaft, von ihm selbst verteidigend in seinem Buch <Um jeden Preis - im Spannungsfeld zweier Systeme> (Aufbau-Verlag, Berlin-Weimar 1991) geschildert, unterzieht H. Wolf in einer Broschüre <Hatte die DDR je eine Chance> (Sozialismus extra, VSA-Verlag, Hamburg 1991) einer vernichtenden Kritik. H. Wolf war, wie auch Wenzel positiv erwähnt, einer der wissenschaftlichen Väter der Konzeption des NÖS Anfang der 60er Jahre. Auf einige der auch bei Wenzel und oben angeführten Strukturprobleme, sowie Krisen- und Wendepunkte geht er ebenfalls kenntnisreich ein.
Vergl den Aufsatz von W. Florath in MBl 1997 2 mit einer anderen Sichtweise (s.o. Fußnote 5)
Wie die Entwicklung in China zu verstehen ist, wo die Partei seit fast zwei Jahrzehnten einen anderen Kurs mit der relativen Freigabe der Ökonomie, sogar bis zur Freigabe kapitalistischen Privateigentums unter Aufrechterhaltung ihrer Hegemonie steuert, ist noch nicht klar zu bestimmen. Handelt es sich dabei vielleicht um eine ausgedehntere Periode einer NÖP-Politik zur nachholenden Industrialisierung, die die oben diskutierten P

Samstag, 11. Oktober 2014

Ukraine - zum Stand der Dinge

zum Stand der Dinge und den im Moment absehbaren Entwicklungsperspektiven Hat Uli Cremer eine sehr vertändige Übersicht geschrieben!

JM


11. Oktober 2014 Uli Cremer
Waffenstillstand in der Ostukraine?


Der in Minsk unter Moderation der OSZE am 5.9.2014 vereinbarte Waffenstillstand in der Ostukraine hat nach einem Monat überraschenderweise überwiegend noch Bestand, von den Kampfhandlungen um neuralgische Punkte wie den Donezker Flughafen abgesehen. Oder sollte man angesichts von 331 Toten im letzten Monat[1] den Begriff »Waffenstillstand« besser nicht verwenden? Jedenfalls hat eine gewisse Deeskalation stattgefunden.

Richtigerweise ließen die Minsker »12 Punkte« von September 2014 sämtliche politische Streitfragen offen, insbesondere den genauen zukünftigen Status der Ostukraine. Das Kiewer Parlament lieferte wie zugesagt Gesetze zum Sonderstatus und zur Amnestie der Kämpfer, die bis dato als »Terroristen« bezeichnet wurden. Ausgenommen von der Amnestie sind besonders schwere Verbrechen.

weiter unter :

http://www.sozialismus.de/index.php?id=7265&tx_ttnews[tt_news]=15629&cHash=da25cc5ee9d3552de1815c9da559a870&type=98


Freitag, 10. Oktober 2014

"Längst sind tonangebende deutsche Wirtschaftsforscher selbst Konjunkturrisiko"

Herbst-Gutachten 2014 - bestenfalls stagniert die Konjunktur 

10.10.14
Hier die Einleitung zu einem ersten verständigen kritischen Kommentar zu gestern öffentlich vorgestellten Gutachten der sog. "Fünf führenden Wirtschaftsforschungsinstitute " zur Konjunktursituation und ihren Aussichten - von Thorsten Hildt in seinem Blog Wirtschaft und Gesellschaft"

JM

"Gestern kamen wieder die großen Konjunkturauguren zu Wort. Sie mussten allesamt zurückrudern. Das Institut für Makroökonomie und Konjunktur (IMK) senkte seine Prognose aus dem Frühjahr von 1,6 auf jetzt 1,5 Prozent für das laufende Jahr...."
- See more at: http://www.wirtschaftundgesellschaft.de/2014/10/konjunktur-journalismus-wirtschaftsforschung-und-wirtschaftspolitik-langst-sind-tonangebende-deutsche-wirtschaftsforscher-selbst-ein-konjunkturrisiko/#sthash.6WwKcgzK.dpuf

Eine wichtige negative Bedingung für die unkritische Dominanz der neoliberalen Angebotsökonomie in den wirtschaftspolitischen Empfehlungen benennt Hildt am Ende seines kurzen Kommentars:
JM

"Selbst hier regiert die Angebotsökonomie: Die wirtschaftspolitischen Empfehlungen des aktuellen Herbstgutachtens konzentrieren sich, nicht anders als die vorangegangenen Herbstgutachten auf “Investitionsanreize” und “Abbau von Beschäftigungshemmnissen”. Diese Wirtschaftsforscher sind damit längst selbst zu einem Konjunkturrisiko geworden. Dass diese Wirtschaftswissenschaftler damit durchkommen, liegt nicht zuletzt an den mehrheitlich nicht minder angebotsorientierten Journalisten und Politikern (wir zeigen dies regelmäßig auf, indem wir Beiträge und Interviews tonangebender Medien aufgreifen und analysieren). Entweder sie sind nicht entsprechend geschult und neugierig, um jene haarsträubende Missachtung der Wirklichkeit durch die Wirtschaftsforschung angemessen zu hinterfragen, oder sie sind selbst ideologische Überzeugungstäter. Dass dies keine Frage von “rechts” oder “links” ist, zeigt zum Beispiel die amerikanische Wirtschaftspolitik, insbesondere die der amerikanischen Notenbank, die nun schon über geraume Zeit wesentlich bessere Ergebnisse bei Wachstum und Arbeitslosigkeit erzielt und auch entsprechend bessere Aussichten auf eine weitere konjunkturelle Erholung rechtfertigt."

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Montag, 22. September 2014

Die Krise in der Ukraine und ihre Rezeption in den Publikationen der DKP bis Anfang September 14



Ukraine – auf der Suche nach dem Hauptfeind

Jörg Miehe – 9.9.14


Noch ist die Krise in und um die Ukraine nicht beendet und ob der faktische Waffenstillstand vom Fr. dem 5.9.14, der bis heute, dem 21.9.14, gehalten hat, zu einer tragfähigen Lösung führt, ist weiterhin offen. Von einer Regelung der Ukrainefrage durch einen Kompromiss zwischen Rußland und dem „Westen“ ist bisher weit und breit nichts zu sehen. Die Propaganda der Medienmaschine legt eher ein gegenteiliges Interesse nahe. 
Das Thema hat in der UZ und den Marx-Blättern zurecht einen prominenten Platz eingenommen, sowohl in der aktuellen Berichterstattung, als auch in vertiefenden Berichten und ausführlichen Analysen verschiedener Autoren. Dabei gab es sowohl Übereinstimmungen als auch Unterschiede in den Einschätzungen. Bemerkenswert waren vor allem die offenen Fragen, die die unterschiedlichen analytischen Beiträge hinterließen. Entsprechend unklar blieb die politische Bewertung, was denn aus kommunistischer Sicht die weitere Linke, andere politische Kräfte, und verschiedene Klassenkräfte tun sollten – außer dass alle für Deeskalation sorgen und kriegerischen Aktivitäten widerstehen.

Die Regierung der Republik im Spagat
Angesichts des zumindest opportunistischen „Mitmachens“ der Regierung bei den Sanktionsbeschlüssen, der Einstimmung in die atlantischen Schuldzuweisungen, und der Phalanx von Dämonisierung und Kriegshetze in fast allen Medien, ist eine solche Position zwar moralisch ehrenwert, aber ohne ernsthaften Effekt. Wie kommt es, dass das öffentlich geäußerte ökonomische Interesse eines offenbar nicht unwichtigen Teils der deutschen Groß- und Mittelindustrie durch ihre Manager, doch wohl auch für ihre Kapitaleigner, bei uns nur erwähnt wird, aber keine theoretischen Fragen und schon gar keine Erwägungen zu politischen Fronten aufwirft? 
So gibt es einerseits die Bemerkung von Fülberth im Kommentar in der UZ vom 11.4. 14 S. 8 über den Kurs der Kooperation der deutschen Industrie mit Rußland, dieser Kurs sei zwar weniger gefährlich, als jener der aktuellen Beteiligung an der Konfrontation durch die Regierung, aber letztlich auch nur eine Variante kapitalistischer, imperialistischer Politik, mit der man sich wohl besser nicht gemein machen solle. Daneben im Aufmacher der UZ vom 15. August 14 - „Die Schuld“ der Russen – ein längeres Zitat des Chefredakteurs des Handelsblattes Steingart aus seinem Aufmacherartikel mit der Überschrift : Der Irrweg des Westens vom 8.August 14. Die Autorin, Nina Hager, setzt den Gedanken von Steingart über die wohlverstandenen Interessen nicht nur der deutschen Industrie an Deeskalation in der Ukraine und ökonomischer Kooperation mit Rußland fort, indem sie auf die Interessen der russischen Seite an Stabilität verweist. Aber die Konsequenz, dass auch die ökonomische Kooperation der bundesdeutschen Industrie mit Rußland im Interesse der bundesdeutschen Bevölkerung liegt und daher die Bundesregierung von vielen Interessenten und politischen Seiten her aufgefordert werden muß, diesen wohlverstandenen Interessen an friedlichen Beziehungen zu Rußland nachzukommen, statt als Vasall oder Pudel der angloamerikanischen Interessen an der Eindämmung oder Übernahme ihrer vermeintlichen Gegner mitzuwirken, kann in der UZ anscheinend nicht gezogen werden.
Plausibel wird das nur, wenn das Interesse der bundesdeutschen Industrie an Waren- und Kapitalexport nach Rußland in Verkürzung und historischer Deplazierung Lenins nicht nur als kapitalistisch, sondern als Imperialismus wahrgenommen wird, wie bei Fülberth – auf diese Schiene darf natürlich kein deutscher Anti-Imperialist oder Kommunist geraten, gerade wenn es gen Osten geht.
Begonnen hatte die herausgehobene Berichterstattung der UZ über die Zuspitzung der Ukraine-Krise mit drei gut informierenden Artikeln von W. Gerns, von denen die ersten beiden geradezu prophetischen Charakter hatten: am 24.1.14 >Ukrainische Ultras proben den Bürgerkrieg<; am 7.2.14 >Gemeinsame Sache mit Brandstiftern< und am 28.2.14 >Staatsstreich in der Ukraine<.
Dieser Staatsstreich erwies sich auch als rabiater Schnellschuß gegen den Vertrag zwischen der damaligen Noch-Opposition im Parlament und auf dem Maidan und Präsident Janukowitsch über eine künftige gemeinsame Politik. Dieser Vertrag war durch Vermittlung und Druck der persönlich anwesenden Außenminister Frankreichs, Polens und der BRD, Steinmeier, zustande gekommen.
In den genannten Artikeln wurde der „Westen“ allgemein als Antreiber des Umsturzes und als Interessent an einer anderen Politik der bisherigen Führung der Ukraine geschildert, und im letzten Artikel auch als „westliche Strippenzieher“ apostrophiert, jedoch auch der „deutsche Imperialismus“ mit einer „Tradition als Vertragsbrecher“ von W. Gerns ins Spiel gebracht. Patrick Köbele betonte in einer kurzen Stellungnahme in der UZ ebenfalls :„Ganz offensichtlich hat Steinmeier hier ein gutes Stück Oststrategie des deutschen Imperialismus umgesetzt. …“
Generell herrschte aber Einverständnis darüber, dass sich alle bisher noch politisch gebliebenen Manöver des „Westens“ gegen die Interessen Rußlands richteten, ohne dies genauer zu bestimmen – die entschiedene und harsche Reaktion der russischen Regierung auf den Wechsel der Kiewer Regierung und ihre Politik in der Krim-Angelegenheit hatten bis dahin weder die genannten Autoren noch die Mainstream-Medien in der BRD auf dem Schirm.


Geschäftsinteressen der Beteiligten
Mit dem inzwischen erlangten Abstand fällt es naturgemäß etwas leichter, die Umstände, die Interessenlagen und die Handlungen zu bestimmen und den Versuch zu unternehmen, die anschließenden Deutungsversuche der Autoren in der UZ und den Marx-Blättern einzuschätzen.
Die erste Frage betrifft die Lage in der Ukraine und die daran geknüpften Interessen der beiden Lager des „Westens“ und Rußlands, dieses zunächst ohne eigene Alliierte gedacht. 
Mit Klaus Wagener in seinem Artikel >Janukowitsch hat überreizt< in der UZ vom 21. März , S. 13, können wir festhalten, dass die ökonomische Lage der Ukraine desolat und das Land völlig überschuldet ist. Außerdem könnte seine ökonomische Struktur keinerlei ökonomisches Interesse weder der BRD-Unternehmen, noch solcher aus der EU (oder auch aus den USA) hervorrufen – das Land ist ein Faß ohne Boden. Die Phantasien über ukrainisches Fracking-Gas können wir wohl beiseite lassen.
Die Interessen Rußands an der Ukraine liegen seit vielen Jahren auf der Hand: es beherbergt die bislang immer noch wichtigste Transit-Trasse für das russische Erdgas nach Westeuropa – und der Erlös sowie der Überschuss daraus bilden immer noch einen wichtigen Posten in der Handelsbilanz und den Staatseinnahmen Rußlands. Die Querelen um die unbezahlten Entnahmen aus dem Transitgas durch die Ukraine und damit einhergehende Blockaden, hatten Rußland zum Bau der Ostsee-Pipeline und zur Projektierung der Schwarzmeer-Pipeline für Gas motiviert, wobei der Bau der letzteren durch Bulgarien jetzt von der EU blockiert wird. Dass Rußland an der Bezahlung des der Ukraine zu liefernden Gases auch zu einem vernünftigen weltmarktnahen Preis ein berechtigtes Interesse hat, ist selbstverständlich. Ebenso liegt das Interesse Rußlands an einem reibungslosen und kostengünstigen Transit des Gases nach Westeuropa auf der Hand. Das gilt auch für die Interessen der Empfängerländer in der EU. Beide Seiten müßten also an einer politischen Führung der Ukraine interessiert sein, die das technisch, ökonomisch und politisch garantiert. Das Verhalten der EU und eines Teils der beteiligten Länder deuten jedoch in eine andere Richtung.
Ob Rußland noch an Rohstoffen der Ostukraine interessiert ist, oder ob die Verbindungen zu den Unternehmen der Rüstungsindustrie (Flugzeuge, Raketen u.a. militärische technische Ausrüstungen) noch unverzichtbar sind, ist in der linken und sonstigen öffentlichen Debatte unklar geblieben.

Militärische Begierden ?
Die militärische Seite der Lage und Interessen ist einerseits sehr einfach, andererseits liegen die Interessen im Nebel von Projekten und der Propaganda. Die Krim als Herberge der russischen Schwarzmeerflotte und als Heimathafen eines Teils der Mittelmeerflotte, zumindest für den Nachschub, ist von großer strategischer Bedeutung für Rußland. Daher ist die die Verhinderung der Überlassung der Krim an die Marine der USA oder anderer Nato-Staaten von allergrößtem Interesse. Insofern entstand durch den mit dem Putsch erreichten Regierungswechsel zu der US-Marionette Yasenyuk wirklich die Gefahr einer tiefgreifenden militärstrategischen Schwächung Rußlands gegenüber und durch die USA . Die staatliche „Umwidmung“ der Krim durch Rußland kam dieser unmittelbaren Gefahr zuvor. Anders als bei der „Umwidmung“ des Kosovo durch die Nato brauchte aufgrund der militärischen und politischen Kräfteverhältnisse auf der Krim und gegenüber der Ukraine, keine militärische Gewalt angewendet zu werden.
Die Armee und die Rüstung der Ukraine liegen völlig im Argen, trotz der vielfältigen Zusammenarbeit durch Nato-Beratungen und in gemeinsamen Manövern mit der Nato. Für Verteidigungszwecke brauchen weder die EU noch die Nato das Territorium oder die Armee der Ukraine. Das Gleiche gilt spiegelbildlich für Rußland. Und für dieses sind auch keinerlei Pläne oder Absichten bekannt oder werden ihm zugeschrieben, die eine in die Ukraine vorgeschobene Abwehrverstärkung durch ukrainisches Militär oder Territorium vorsehen. Angriffsabsichten Rußlands nach Westen mit Hilfe der Ukraine werden nicht einmal in der „westlichen“ Propaganda unterstellt. Dagegen werden von den Regierungen der baltischen Staaten und Polens Rußland Absichten des direkten Angriffs auf ihre Territorien und ihre Vereinnahmung in ein „Neurussisches Imperium“ unterstellt. Dafür werden die Vereinnahmung der Krim und die Unterstützung der „Separatisten“ in der Ostukraine als erste Schritte in diese Richtung gedeutet. Vor welchen politischen Veränderungen die genannten Regierungen tatsächlich Angst haben oder haben müßten, oder ob sie nur im außenpolitischen Auftrag ihre vermeintliche Angst beschwören, bleibt dagegen unklar,
Die militärische Zusammenarbeit der meisten post-sowjetischen Regierungen der Ukraine mit der Nato und damit besonders den USA muß daher anders gedeutet werden. An eine ernsthafte konventionelle angriffsorientierte Kräfteverschiebung in der Ukraine gegen Rußland und seine Grenze wird dabei wohl nicht gedacht. Das gilt im Übrigen auch für die Natomitgliedschaft vom Baltikum bis Bulgarien. Allerdings besteht dadurch die Nötigung für Rußland sich den potentiellen Natoverstärkungen, gerade auch von Luft- und Raketenwaffen, präventiv zu widmen und damit aufrüsten zu müssen oder den militärischen Abwehrschirm auszudünnen. 

Atomare Geopolitik der USA
Am gewichtigsten ist aber das seit der Bush-II-Ära verfolgte Projekt der USA, in der Nähe der Grenzen Rußlands Kurz- und Mittelstrecken-Abfangraketen zu stationieren, die angeblich, zusammen mit entsprechenden Radaranlagen, einen Abwehrschirm gegen iranische strategische Angriffsraketen gegen die USA bilden sollen. Die Albernheit dieser Begründung muß hier nicht erklärt werden. Dagegen ist aus der strategischen Diskussion und Planung der USA nicht erst unter Bush II bekannt, dass solche Raketen tatsächlich dem Zweck dienen sollen, die Zweitschlagsfähigkeit der russischen strategischen Raketenwaffen gegen die USA außer Kraft zu setzen – was umgekehrt eine taktische und strategische straflose Erstschlagsfähigkeit der USA gegen Rußland begründen würde. 
Würde eine solche Stationierung gelingen und würde sie technisch funktionieren, dann würde die militärische Weltherrschaft der USA durch reine Drohung endlich Wirklichkeit (China, Indien und Pakistan als Atommächte könnten dem als zweit- oder drittrangige Atommächte nichts ernsthaft entgegensetzen). Bis 1991 stand dem die Sowjetunion im Wege und danach ist es nicht gelungen, durch Destabilisierung der SU unter Jelzin deren strategische atomare Fähigkeiten für längere Zeit außer Kraft zu setzen. Bisher waren Polen und Tschechien als Stationierungsorte für Radar und Rakentenabschußvorrichtungen vorgesehen. Die Stationierung konnte dort aber politisch (noch) nicht durchgesetzt werden, sodaß jetzt die Stationierung auf Schiffen in der Nordsee und im Mittelmeer erfolgen soll. Die Ukraine und Georgien sind daher zwar keine völlig unersetzbaren Territorien, wären aber bei dieser Raketeneinkreisung eine erhebliche Vergrößerung der Gefahr für Rußland.
Ein funktionierendes Raketenabwehrsystem der USA an den Grenzen Rußlands würde eine strategische und taktische Erpressbarkeit durch die USA bedeuten und weltpolitisch eine grundstürzende Veränderung, gerade auch für China und Indien herbeiführen, für alle anderen Staaten außerhalb der US-Militärbündnisse ebenfalls: Afghanistan, Irak und Libyen lassen grüßen, wo Rußland duldend zugeschaut hat. Syrien und evt. der Iran wären sicher längst auf den libyschen Weg getrieben worden, wenn Rußland dem bis heute nicht entgegengestanden hätte.
Wie gehen nun die Autoren in den verschiedenen Beiträgen mit diesen Tatsachen, den Umständen, Interessen und strategischen Kalkülen der genannten weltpolitischen Akteure um?

Die USA als praktischer Kern des Übels - aber EU und Deutschland sind auch dabei
Die Autoren, Gerns mehrfach in der UZ und einmal in den Marx-Blättern, Wagener in der UZ und Müller in der gleichen Nr. der Marx-Blätter sind sich weitgehend einig darin, dass die USA der Hauptantreiber der Ukrainekrise sind. Wagener verweist dafür auf die geopolitische Begründung einer Strategie des „containment“ (etwa Einhegung) durch die USA. Wegen des faktischen Verhaltens der USA brauchen sie dafür keine theoretischen oder historischen Begründungen. Sie liefern sie auch nicht, stellen nicht einmal Fragen oder verweisen nicht, wie sonst ja immer, auf Lenins Imperialismus-Theorie. Ist das der Selbstverständlichkeit geschuldet oder hat das tiefere Gründe?
Weitgehend offen bleibt bei allen Autoren und Beiträgen die praktische Rolle der EU und der BRD in der Ukraine. Selbst der eigentliche Anlaß der dortigen Opposition in Teilen der Bevölkerung, von rechten nationalistischen politischen Kräften und von einer veränderten Koalition der Oligarchen gegen Yanukowitsch, das Aussetzen des Assoziierungsvertrages der Ukraine mit der EU durch diesen, wird kaum erwähnt, nicht untersucht oder im Lichte der Imperialismus-Theorie interpretiert. Nur in den punktuellen Bemerkungen von W. Gerns und von P. Köbele wird Deutsch-Imperialistisches angedeutet. In dem Artikel von Müller, >Zwei Strategien der Ostexpansion< wird ähnlich ein besonderes Interesse der bundesdeutschen Bourgeosie und ihrer Konzerne an der Expansion ihres Kapitals nach Osten postuliert (deutscher Imperialismus?), das entweder mit dem Instrument der Ausdehnung der EU gegen die Interessen Rußlands oder einvernehmlich mit der Vergrößerung des Austausches mit Rußland erreicht werden soll. Er macht dabei die zwei Lager der „Atlantiker“ und der „Putinversteher“ aus. Er übersieht hier, dass zwar die Interessen der bundesdeutschen Industrie an Export von Waren und Kapital nach Rußland offen formuliert werden (siehe u.a. die beiden Sonder Nrn. des Handelsblattes), aber die „Atlantiker“ keine deutschen ökonomischen Interessen ins Feld führen, sondern ein allgemeines „westliches“ Interesse an der Bestrafung Rußlands für dessen vermeintlichen Imperialismus, oder offen von der Notwendigkeit der „Solidarität“ mit der westlichen Führungsmacht sprechen, mit all den Demokratie-, Humanitäts-, Menschen- und Völkerrechtsappellationen. Manchmal wird auch TTIP als Alternative für die Stärkung der ökonomischen Bindungen mit Rußland formuliert.
In diese Kerbe haut auch Fülberth in seinem oben erwähnten kleinen Kommentar „Drei Hände“ in der UZ zu einem Plakat der DKP zur Ukrainekrise . Eine richtige Version des Plakates müsse u.a. die Hand der EU mit einem „dicken deutschen Daumen“ zeigen, der nach der Ukraine greife, womit die politische Frage nach dem Hauptfeind im eigenen Land geklärt sei. Dass die bundesdeutsche Industrie an Sanktionen gegen Rußland kein Interesse habe und sich wichtige außenpolitische Experten für eine Kooperation mit Rußland aussprechen, ist ihm auch nur eine Variante „kapitalistischer, wohl auch imperialistischer Poliltik“, wenn auch weniger gefährlich.

Bedingter Freispruch für das kapitalistische Rußland?
Die von Fülberth geforderte „Dritte Hand“ im kritisierten Plakat, nämlich die von Rußland, untersucht Gerns in einem längeren Artikel in der UZ mit dem seltsamen Macho-Poster Putins und der merkwürdigen Überschrift „Putins Rußland – weder Satan noch Heilsbringer“. Es handelt sich um eine recht prinzipielle Untersuchung der Eigenart des kapitalistisch gewordenen Rußland. Ist es nun imperialistisch, wie Fülberth andeutet? Geht es also um imperialistische Konkurrenz zwischen Rußland und dem „Westen“, wie man folgern müßte? W. Gerns konstatiert, dass in Rußland das private und staatliche Großkapital ökonomisch dominiere und die Politik in der Ökonomie eine große Rolle spiele. Man könne daher von staatsmonopolistischen Strukturen reden, also der ökonomischen Grundlage des Imperialismus. Imperialistische Politik hingegen kann er nur in kleinen Ansätzen im Umgang etwa mit Weißrußland oder als Tendenz mit einigen früheren sowjetischen, jetzt selbständigen Teilrepubliken sehen. Hingegen sei gegenüber dem weiteren Ausland, ausdrücklich auch gegenüber den Baltischen Staaten und der Ukraine weder von imperialistischen Absichten noch von imperialistischer Politik etwas zu sehen.
Man könnte nun hinzufügen, dass es für Rußland auch nicht um den Export von überschüssigen Waren oder überschüssigem Kapital gehe, für die mit Einsatz von Macht gegen Konkurrenten Raum geschaffen werden müsse, wie eine leninsche Hypothese dazu lauten müßte. Vielmehr prägt die Notwendigkeit des Rohstoffexportes die Ökonomie und damit gleicht die Situation eher jener der vom „Imperialismus“ abhängigen Länder. Aber ein Land, das politisch und ökonomisch, wie auch militärisch die Souveränität über seine Rohstoffe und seinen Export hat, ist natürlich kein Opfer seiner Abnehmer – es sei denn, es ist Manipulationen des Weltmarktpreises hilflos ausgeliefert, wie das für kleinere monostrukturell geprägte Rohstoffexportländer gilt. Die angesichts der Verhältnisse etwas merkwürdige Frage nach einem eventuellen Interesse Rußlands (seiner ökonomischen und/politischen Führungsschichten) an der „Weltherrschaft“ beantwortet Gerns negativ mit Hinweis auf die Kräfteverhältnisse. Aber dieses Dementi umgeht die Frage, ob Rußland nicht allen Grund hat, zumindest atomar und allgemein militärisch gegenüber den USA eine Weltmacht zu bleiben oder wieder zu werden, um nicht von den USA zerrieben und u.a. seiner Bodenschätze beraubt zu werden, wie unter Jelzin.
So ist das Ergebnis der Untersuchung von Gerns zwar zutreffend, aber es gibt im Verhältnis zu den USA keine richtige Auskunft und die leninsche Imperialismustheorie ist dafür anscheinend nicht besonders hilfreich.
Hier zeigt sich an der Untersuchung des einen Pols der Auseinandersetzung in und um die Ukraine, nämlich bei Rußland, dass es verfehlt ist, den anderen Pol, die USA und ihre Nato-Trabanten in Europa völlig aus der Analyse auszusparen und ihre imperialistische Aggressivität einfach als gegeben zu unterstellen. Schon bei der Frage der Angliederung der Ukraine an die EU durch den Assoziationsvertrag war kein verständiges ökonomisches Interesse daran feststellbar, auch nicht bei der BRD, und ebenfalls keines, das aus geopolitischer Konkurrenz zu den USA oder Rußland entspringen würde, das den Aktivismus der EU und zumindest die „Duldung“ durch die BRD zu erklären vermöchte.
So bleibt die Frage, welche ökonomische, politische oder militärische Lage der USA in der Welt gebiert ein objektives Interesse ihre Weltherrschaftsabsichten und -praktiken zu verfolgen? Und wie werden die europäischen Verbündeten zu Vasallen der US-Strategie? Für die Antwort ist eine stichpunktartige Aufzählung historischer Umstände seit 1945 unvermeidlich.

1945 – Versuch des Roll back der Sowjetunion nach dem Ende des Krieges
Spätestens seit den Test-Zündungen der Atombombe 1945 in den USA und der Unterwerfung des Faschismus Deutschlands und Japans mit der Kapitulation und der Besetzung beider Länder und ihrer vormaligen Verbündeten, sowie der militärischen und vor allem ökonomischen Abhängigkeit der alten Kolonial-Länder England und Frankreich und auch Italiens, waren die USA militärisch völlig unbedroht. Das galt solange, wie die SU mit dem Wiederaufbau beschäftigt war, und der außenpolitische modus vivendi zwischen den USA und Rußland mittels des Sicherheitsrates der UNO aufrecht erhalten blieb. Die USA haben allerdings mit dem Wechsel zur Truman-Administration und dem Abwurf der beiden Atombomben über Japan diesen Konsens aufgekündigt, und faktisch eine Roll-back-Politik gegenüber dem zunächst nur militärischen Besatzungsraum Rußlands und ab 1949 auch gegenüber Rotchina gefahren. Die US-Militärmacht, u.a. in Korea und Vietnam eingesetzt, war eine ständige Drohkulisse gegenüber dem entstehenden sozialistischen Block. 

Zweigleisig fahren – eine neue Weltwirtschaftsordnung für den Kapitalismus – Bretton Woods 1944
Neben dieser militärischen Einkreisung, bestenfalls dem „containment“, wie es Wagener  richtig erwähnt, bestand die Politik der USA darin, schon vor dem Sieg gegen die Faschismen, in Bretton Woods eine neue Weltwirtschaftsordnung in umfassenden Verträgen auf den Weg zu bringen, in die auch die SU eingebunden werden sollte:
Dollar mit Goldanbindung als Weltwährung, US-Finanzministerium und die US-Zentralbank als Steuerung der Dollarversorgung und des Dollarkurses, und die Wallstreet-Banken als Weltzentrum der Kapitalversorgung, die Weltbank als internationales Investitionsvehikel und der Währungsfonds (IWF) als Instanz für Kapitalbeistandskredite gegen kurzfristige Ungleichgewichte der Zahlungsbilanzen der Mitgliedsstaaten, dazu etwas später das GATT als Mechanismus zur Entwicklung des Freihandels. Unterhalb dieser institutionellen Weltregelungen im Rahmen des US-Staates und der UNO entwickelten die USA getrennt für Japan und Westeuropa Wiederaufbauprogramme der kapitalistischen Ökonomien, der industriellen Produktion, der wirtschaftlichen Ordnungsregime und sogar der Wiedereinsetzung der meisten kapitalistischen Eigentümer. Die Altschulden und Reparationsverpflichtungen Japans und Westdeutschlands, wie auch Italiens wurden erlassen oder zur Bedeutungslosigkeit geschrumpft. Der Binnenmarkt der USA wurde für Importe aus Japan und Westeuropa geöffnet und die durch niedrige US-Zölle und günstige Kredite unterstützte! Konkurrenz der Industrien dieser Länder mit ihren niedrigen Löhnen hingenommen. Auf diese Weise wurde die drückende technischen Überlegenheit der US-Industrie nach und nach abgebaut oder sogar ins Gegenteil verkehrt: Z.B. setzte irgendwann die westeuropäische Autoindustrie die technischen Standards und die großen „Amischlitten“ gerieten auch in den USA außer Kurs und Detroit in eine Krise. Ähnliches geschah in der optischen und elektronischen Industrie zwischen Japan und den USA. Aber von Anfang an mußten diese Länder im Gegenzug ihre Märkte nach und nach den amerikanischen Importen öffnen und vor allem Investitionen in den Aufbau von Zweigwerken und später die Übernahme von Firmen zulassen. 
Zur Organisierung von Hilfskrediten für und Warenlieferungen nach Westeuropa aus den USA wurde der sog., Marshallplan entwickelt, mit eigenen überstaatlichen Verteilungsinstitutionen, wie der OEEC in Europa, aus der dann später die OECD hervorgegangen ist. Deren späterer Hauptzweck war die Entwicklung der freien Bewegung von Waren und Dienstleistungen, Kapitalverkehr und Währungstransaktionen und später auch von Arbeitskräften. Noch später wurde dies auch einer der wichtigen, vor allem ideologischen Transmissionsriemen für die neoliberale Wende vom Keynesianismus zum Neoliberalismus, also u.a. der Form der Globalisierung mit geringen staatlichen Leitplanken. Inzwischen wechselte die Lage der US-Wirtschaft vom Überschuss bei Handels- und Zahlungsbilanz zum Defizit in der Handelsbilanz, was eine völlig veränderte Konstellation in der kapitalistischen Weltwirtschaft erzeugte. Kompensiert wurden die Defizite durch zunehmende Gewinnimporte aus den auswärtigen Kapitalanlagen und durch ausländischen Anlagen im US-Amerikanischen Kapitalmarkt u.a. durch den Verkauf von US-Staatsanleihen. Im Zusammenhang damit konnte die Goldbindung des Dollar Anfang der 1970er Jahre nicht mehr aufrecht erhalten werden und wurde von Präsident Nixon einseitig aufgekündigt, der Dollar drastisch abgewertet und die Beziehungen der Währungen untereinander wieder den Währungs- und Kapitalmärkten überlassen – einer der wichtigsten Schritte für die neoliberale Wende des Nachkriegskapitalismus. 

Umfassende Bewegungsfreiheit für das Kapital in der Welt – Imperium oder Imperialismus ?
Ist das nun die Wiederauferstehung des „Freihandelsimperialismus“ des englischen Empires? Das ist keineswegs der Fall. Jenes war von den privilegierten Beziehungen zu den Kolonien und den Dominions und einer festen Einflußzone in Südamerika geprägt. Solche staatlichen oder ökonomischen Privilegierungen gibt es im ökonomischen Hegemonieraum der USA nicht mehr. Der Zugang zu allen Märkten ist für alle westlichen Konzerne weitgehend offen und die Konkurrenz auch bei den verbreiteten Oligopolen im Prinzip nicht eingeschränkt. Ausnahmen waren und sind immer noch die natürlichen Monopole, die oft staatlich organisiert wurden. Aber selbst diese, wie z.B. die Wasserversorgung und die Entsorgung, die Elt-Anbindung, der öffentliche Verkehr und manches andere werden inzwischen neoliberal einer künstlichen Privatisierung unterworfen.
Die USA haben ihre militärische Herrschaft in Westeuropa durch die Besatzungen und dann ihre Dominanz durch die Stationierungen im Rahmen der Nato zunehmend auf eine indirekte Steuerung durch die Ökonomie und allerlei politische Arrangements und Einflußnahmen zurückgenommen – ähnlich in Japan und Südostasien.

Der Sozialismus als Realität und als „Schreckgespenst“
Konnte man noch bis in den Anfang der 70er Jahre unterstellen, dass die Bourgeoisie der USA wirklich Sorge hatte, dass aktuelle wirtschaftliche oder politische Krisen in ihrem Hegemonieraum kommunistische Kräfte an die Macht und damit ihren weltweiten „Binnenmarkt“ in Gefahr bringen könnte, so war das spätestens seit Mitte der 70er vorbei, seit die Anziehungskraft der Ökonomie der SU für das Proletariat in Europa und Japan weitgehend verschwunden war. Die vermeintliche Gefahr für die Weltdominanz bestand aber immer noch im möglichen Übergang einiger Drittweltländer auf neutralistische oder sozialistische Bahnen. Und insofern war das militärische und geheimdienstliche imperialistische Gebaren der USA noch von der Existenz einer nach vorn gerichteten Alternative zum eigenen kapitalistisch/bürgerlichen Regime motiviert.
Dieses Motiv und die damit gegebenen Interessen verschwanden mit dem europäischen Sozialismus – China war Anfang der 90erJahre anscheinend noch kein Grund für Ängste um das US-Empire. Aber vorsichtshalber haben die USA selbst den kümmerlichen institutionellen Resten der jugoslawischen sozialistischen Selbstverwaltung erst mit der diplomatischen und dann der militärischen Zerschlagung des Gesamtstaates den Garaus gemacht – mit unrühmlicher Initiative durch die BRD.

Das US-Empire als Hegemon des Weltkapitalismus ist weiter sehr lebendig
Aber weder verschwanden das ökonomische Weltregime der USA, noch ihre politischen Hegemoniestrukturen im Weltkapitalismus und, nun doch nicht überraschend, auch nicht ihre überwältigende Militärdominanz.
Wer immer noch glaubte, dass die innerkapitalistische imperialistische Konkurrenz nur durch die Systemkonkurrenz der SU und ihres Blocks im Zaum gehalten wurde, mußte sich durch die Realität eines besseren belehren lassen. Die USA verschärften die Freisetzung der Bewegung der Kapitalien in der Welt noch einmal deutlich. Im Innern der Staaten mit Durchsetzung des Neoliberalismus unter Prasident Reagan mit Unterstützung von Englands Premier Mrs. Thatcher, und international durch die Deregulierung der internationalen Finanzmärkte. Das Ergebnis war eine neue Stufe der Internationalisierung der Kapitalanlagen und -bewegungen, technisch eine neue Stufe der internationalen Arbeitsteilung, und quantitativ eine neue Größenordnung bei Güter- und Kapitalströmen. Das neu konzipierte Freihandelsabkommen mit Asien und TTIP für Europa könnten zusammen eine weitere Runde der Befreiung des Kapitals im Hegemonieraum der USA, im Raum ihres Empires, darstellen.

Der Ölimperialismus der angloamerikanischen Mächte im Nahen Osten
Zwei Besonderheiten dieser allgemeinen Tendenzen müssen noch angemerkt werden, weil sie die 90er und die NullerJahre weltpolitisch dominiert haben – neben dem Aufstieg Chinas. Zum einen der Versuch im Nahen Osten die verstaatlichten Ölreserven und ihre Förderung wieder zu reprivatisieren, angefangen mit den Kriegen gegen den Irak – was letztlich auf den wirklich Großen Preis der Reprivatisierung des Saudi-Öls hinausläuft – nicht um das dortige Öl billig oder politisch verfügbar zu halten oder für Boykotte benutzen zu können, sondern um die seit langem und absehbar mit dem Ende des Ölüberflusses zunehmende Vergrößerung der Ölrente für die angloamerikanischen Ölkonzerne auf Jahrzehnte hin aneignen zu können (das waren Anfang der 2000er Jahre bei einem Ölpreis von 90 Dollar allein für Saudi Arabien eine Summe von über 15 Billionen ((europ. Zahlen)) Dollar!). Alle NahOst Kriege und Verwicklungen sind davon direkt oder indirekt in Gang gesetzt und motiviert, neben dem Siedlungskolonialismus Israels. Hier kann man wirklich den Imperialismus bei der Rückgewinnung der Ausbeutung der Bodenschätze durch die Heimatkonzerne mit Hilfe  von militärischer oder terroristischer Gewalt beobachten. Hier waren und sind Bündnisse mit der schwärzesten Reaktion, wie Saudi-Arabien oder säkularen und teils modernisierenden Militärdiktaturen wie Irak, Libyen, oder anders Ägypten möglich, und mit islamistischen Terrorganisationen, die je nach Lage gesponsert oder bombardiert werden – wie in Afghanistan (Taliban) oder jetzt aktuell im Irak oder Syrien (Nusra-Front, oder ISIS). 
Allerdings erfolgen die Aktionen meist im Einvernehmen der Heimatstaaten der Ölkonzerne, den USA für Exxon und Chevron, England für BP, ebenso England und die Niederlande für Shell, Frankreich für Total und Spanien für Repsol, manchmal auch noch Italien für Eni. Der Öl-Imperialismus wird also kollektiv organisiert – trotz der Konkurrenz der Konzerne.

Die Drittrangigkeit von Platz zwei und drei – Japan und Deutschland
In der Ölfrage gibt es noch eine weltpolitisch relevante Besonderheit – Japan und die BRD haben keine weltweit operierenden Förder-, Verarbeitungs- und Distributionskonzerne, sind aber beide zum erheblichen Teil von Ölimporten als Rohstoff für ihre Industrie und für Energie abhängig. Daher rührt ihre weitgehende Zurückhaltung bei den US-geleiteten Ölabenteuern im Nahen Osten, die aber von den USA immer weiter versucht wird aufzubrechen – wie jetzt erfolgreich bei dem neuen islamistischen Gespenst ISIS. Die „Konzernlosigkeit“ ist nicht nur ein diplomatischer Vorteil, sondern summiert sich auch mit dem Faktum nicht als ständiges Mitglied im Sicherheitsrat zu sitzen und ohne eigene Atomwaffen zu sein, wie auch bei Italien, zu einer nachgeordneten Stellung vor allem gegenüber dem großen Bruder.

Das kapitalistische Rußland als mögliche Beute und als geopolitische Grenze des Empire zusammen mit China
Die zweite Besonderheit ist dann schon direkter mit der Ukrainefrage verbunden. Dabei geht es ebenfalls um Öl und um andere Rohstoffe, wie Gas und Mineralien: alles was in Rußland zu holen und auszubeuten war und ist. Die Absicht der Verscherbelung der russischen Ölreserven an den weltgrößten Ölkonzern Exxon durch Chodorkowski, konnte von der wieder erstarkten innerstaatlichen Macht, die von Putin geleitet wurde, gerade noch verhindert werden. Chodorkowski war einer aus jener Nachwuchsnomenklatura in der SU, die sich einen großen Teil des Volksvermögens durch den Aufkauf von Volksanteilsscheinen mit Hilfe von dubiosen Bankguthaben angeeignet hatten und zu Oligarchen mutierten. Diese oligarchische Aneignung der Rohstoffe in Rußland und die Realisierung dieses Reichtums in Dollar konnte nur durch den Zerfall der Staatsmacht in Rußland unter Jelzin gelingen. Und beinahe wäre damit auch die Beseitigung des atomaren Weltmachtstatus des inzwischen kapitalistischen Rußland gelungen.
So bleiben die beiden in verschiedener Weise großen Ökonomien Rußlands und Chinas außerhalb der militärischen und politischen Hegemoniezone der USA und seines Kapitals. Was in beiden Fällen nicht heißt, dass sie außerhalb der sonstigen kapitalistischen Weltwirtschaft und des von den USA organisierten und immer noch dominierten Weltwirtschaftssystems operieren. Allerdings können beide Staaten das im gegenseitigen Verhältnis und im Verkehr mit Drittstaaten langsam soweit verändern, dass sich aus der politischen auch eine ökonomisch multipolare Welt herausbilden kann – die aber wohl auf absehbare Zeit kapitalistisch bleiben wird.
Und das ist für die reaktionäre Variante der US-Weltherrschaftsstrategie immer noch nicht akzeptabel. Daher das Weitertreiben der Nah-Ost-Probleme und die Versuche Rußland aus der Unterstützung Syriens herauszulösen und mit der Ukraine-Krise unter ökonomischen und militärischen Druck zu setzen und es international zu isolieren. Und auch hier versuchen die USA, u.a. die BRD im Rahmen der Nato und der EU in die Auseinandersetzung hinein zu ziehen und zum Engagement zu verpflichten. Dazu der frühere US-Botschafter Kornblum kürzlich in der Welt, immer noch als Sprachrohr seiner Herren:
Die Clowns stehen auf beiden Seiten – Putin und der islamische Staat (IS) sind die Schurken und Verbrecher von heute.“ (Kornblum Welt am Sonntag 7.9.14) Oder der einflußreiche konservative Kolumnist Friedman kürzlich in der New York Times: „ First You need to understand how much Putin and ISIS have in common“; Artikel: Leading from within.
Erst wenn wir uns diese Entwicklungen und Verhältnisse als Gesamtheit vor Augen halten, können wir sehen, warum der Versuch mit Hilfe der Leninschen Imperialismustheorie die Ukrainekrise als weltpolitisches Kalkül der USA zu erklären, an den seit 1945 veränderten Verhältnissen scheitern muß! Von daher erklärt sich die Vermeidung aller oben genannten Beiträge, den Ursachen, also den Umständen und daraus resultierenden Interessen der US-Aggression und der zugehörigen Strategie nachzugehen. Das leninsche weltpolitische Imperialismus-Paradigma erklärt all dies nicht mehr – obwohl wir es im Verhältnis der USA zur Welt am Rande und außerhalb ihres Hegemonieraumes mit dem umfassendsten Imperialismus (im allgemeinen Verständnis) der Weltgeschichte zu tun haben, der es im Laufe der Zeit auch nicht an Gewalttätigkeit mit entsprechenden Opferzahlen hat fehlen lassen. Selbst wenn es in Summe wohl noch nicht reicht, die Zahlen des deutschen Imperialismus und Faschismus zu übertreffen.

Aber im Inneren dieses Hegemonieraumes, oder plastischer im Rahmen ihres Empire, haben die USA die ökonomische Konkurrenz der Konzerne sowohl entfesselt als auch für militärischen Frieden zwischen den Staaten gesorgt, in der sicheren Erwartung, dass auf dem sich erweiternden kapitalistischen Feld die US-Konzerne und ihre Großbourgeoisie auch unter Konkurrenz bestens gedeihen.
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Freitag, 14. Februar 2014

Das Sein bestimmt das Bewußtsein - auch empirisch


Auch wenn man es sowieso schon angenommen hat:

Das Sein bestimmt das Bewußtsein - auch empirisch 

wie Lottogewinner ihr politisches Bewußtsein verändern, eine Untersuchung,
aufgegriffen und kommentiert von P Krugman in seinem Blog bei der New York Times.

Die Quelle, aus der Kruman schöpft:

Money makes people right-wing and inegalitarian 
....
Andrew J Oswald, Nattavudh Powdthavee, 13 February 2014

http://www.voxeu.org/article/money-makes-people-right-wing-and-inegalitarian

Kommentar dazu aus: Paul Krugmans Blog in der NYT - The conscience  of a Liberal

February 13, 2014, 11:58 am
80 Comments

Vox Anti-Populi

Right now the online current-policy economics journal VoxEU — edited by my old student Richard Baldwin — has two fantastic pieces on inequality.

First up, Andrew Oswald and Nattavudh Powdthavee test the effect of wealth on political attitudes by looking at people who got richer, not through their efforts or inheritance, but by winning the lottery. Sure enough, lottery winners become more right-wing. Maybe that’s not surprising, but in case you had any doubts about whether to be a cynic, this should dispel them.

Even more interesting is the effect on political attitudes: lottery winners also became more likely to praise the current, unequal distribution of income:

(This is just the top line of the table; a number of other variables are included as controls).

Think about that for a minute. You might imagine that a self-made man, reasoning from his own experience, might come to the conclusion that people get what they deserve. But here are people who demonstrably, by design, got rich(er) through pure chance, having nothing to do with their talents or efforts. Yet their increased wealth nonetheless convinces them that society is fair. Presumably a big enough lottery win would turn them into Tom Perkins.

In the second piece, Davide Furceri and Prakash Loungani use an event-study framework — looking at what happens on average after clear changes in policy — to assess the effects of “neoliberal” policy changes (although they don’t put it that way) on inequality. Sure enough, they find that both fiscal austerity and liberalization of international capital movements are followed by noticeable rises in income inequality.

So, if you were a ranting leftist, you might say that political attitudes are shaped by class, and that ideological justifications for high inequality are just a veil for class interest. You might also say that “sound” economic policies are really just policies that redistribute income upwards. And it turns out that the econometric evidence more or less supports your rant.

http://krugman.blogs.nytimes.com/2014/02/13/vox-anti-populi/?_php=true&_type=blogs&module=BlogPost-Title&version=Blog%20Main&contentCollection=Opinion&action=Click&pgtype=Blogs&region=Body&_r=0

Freitag, 7. Februar 2014

Aufruf zur Arbeitszeitverkürzung - ein lokales Beispiel

Hier anbei ein Aufruf zur Gründung einer lokalen Initiative zur Arbeitszeitverkürzung - zur Nachahmung empfohlen! Für Göttingen gibt es natürlich eine Reihe von Aufrufern für die Unterstützung der Forderung, die aber für dieses Beispiel irrelevant sind und daher hier nicht dokumentiert werden.


Aufruf zur Unterstützung

30 Stunden sind genug – auch in Göttingen!

Die Einen müssen zu viel arbeiten, die Anderen dürfen es gar nicht – oder nur zu kurz und zu schlecht
bezahlt, um davon leben zu können.
Der gesellschaftliche Spagat
- zwischen einer Arbeitswelt mit sicheren Arbeitsverträgen und akzeptabler Bezahlung,
jedoch ständiger Aufforderung zu Mehrarbeit auf der einen Seite,
- sowie Arbeitslosigkeit, prekären Arbeitsverhältnissen mit skandalös niedriger Entlohnung
und unfreiwilliger Kurzarbeit auf der anderen Seite
hat sich mit der Gesetzgebung zu den Hartz-IV-Regelungen ständig vergrößert.
Zwar ist die Zahl der Beschäftigungsverhältnisse angestiegen – jedoch vor allem durch Aufspaltung von
auslaufenden sozialversicherungspflichtigen Normal-Arbeitsverträgen in mehrere prekäre Verträge.
insgesamt hat sich die Zahl der von Lohnabhängigen geleisteten Arbeitsstunden dadurch aber
langfristig nicht vermehrt.
Vielmehr nimmt die gesellschaftliche Gesamtarbeitszeit seit Jahrzehnten ab – allerdings bei den einen
als Kurzarbeit und bei den anderen als Verlängerung der tariflichen Arbeitszeit und in Form von
Überstunden - statt als Verkürzung der Arbeitszeit für alle Lohnabhängigen.
Die negativen Wirkungen dieser Verhältnisse sind vielfältig – und sie haben die fatale Tendenz, sich
selbst zu verstärken. Das zeigt sich in der ständigen Beeinträchtigung oder gar Beschädigung der
körperlichen, seelischen und sozialen Lebensqualität der abhängig Beschäftigten und der Arbeitslosen.
Und, verbunden mit der bürokratischen Überwachung und den Sanktionen gegen die Arbeitslosen,
führt das zu individueller Perspektiv- und Hoffnungslosigkeit und einer gesellschaftliche Atmosphäre,
die die Solidarität untergräbt, soziale Mitleidlosigkeit, Ausgrenzung und Ignoranz fördert oder gar
hervorbringt.
Der ökonomische und soziale Abgrund, in den – bzw. an dessen Rand – über 10 Millionen
erwerbsfähige Arbeitskräfte gedrängt sind, wirft auch einen düsteren Schatten auf die
Zukunftsperspektiven der vermeintlich sicher Beschäftigten.
Noch lenkt die verbreitete Ansicht, die Mehrheit der abhängig Beschäftigten sei bei der seit 2008
andauernden Krise bisher glimpflich davon gekommen, von den schon aufgestauten Problemen an den
Arbeitsmärkten ab. Aber sie verschärfen sich weiter durch die laufenden jährlichen
Produktivitätsfortschritte. Diese werden, ebenfalls jährlich, weitere Arbeitszeit und Arbeitsplätze
überflüssig machen. Wenn die gegenwärtige staatliche Wirtschaftspolitik und die Strategien der
Unternehmen beibehalten werden, verschlechtern sich auch künftig die Sicherheit der Arbeitsplätze
und die Entlohnung weiter, auch ohne Krise.
Diese Entwicklungen richten sich auch gegen jede gesellschaftliche und ökonomische Vernunft.
Die Folge wird eine weitere Vergrößerung der ökonomischen Ungleichgewichte sein, wie anhand der
nicht ausgestandenen Krise im Euroraum und beim Anblick der ökonomischen und sozialen
Katastrophen in den Südländern der Eurozone schon zu beobachten ist
Dagegen kann nur eine Abkehr vom neoliberalen Dogma und der dadurch angeblich erforderlichen
ökonomischen Schrumpfkur in der gesamten Eurozone helfen.
Um die schon bisher aufgelaufenen Ungleichgewichte, vor allem am Arbeitsmarkt der BRD, wieder ins
Lot zu bringen, ist eine drastische Arbeitszeitverkürzung auf 30 Stunden pro Woche dringend
erforderlich. Notwendig eingeschlossen dabei: die Beibehaltung der Entgelte und Neu-Einstellungen für
die verkürzte Arbeitszeit.
Auch wenn die Gewinnung einer politischen Mehrheit für dieses Ziel und die anschließende Umsetzung
mit sorgfältiger Planung und sensibler Kooperation noch etliche Zeit erfordern wird, so setzen wir auf
diese Perspektive:
Alle, die es brauchen, werden ordentlich bezahlte Arbeit haben - die Drohung durch und mit der
Arbeitslosigkeit hört auf - und von den enormen Produktivitätssteigerungen können endlich alle
profitieren:
mehr Zeitwohlstand für ein besseres Leben,
weniger Konkurrenz, Hetze und Angst.
Kurze Vollzeit für alle – 30 Stunden sind genug!
Für einen neuen Normalarbeitstag!